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Salzburger Festspiele: Rudolf Buchbinders Abenteuer

Buchbinder
Buchbinder(c) APA/Ps music berlin
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Im Mozarteum wurde der Pianist für seine neuerliche Auseinandersetzung mit Beethovens Klaviersonaten gefeiert.

Das reizend altväterische Menuett ist nur Fassade: Hinter ihr lärmen im Trio hartnäckige Triolenketten, die sich in kapriziöser Widerborstigkeit in den Vordergrund drängen, ja schließlich wie eine schwingende Abrissbirne außer Kontrolle geraten. Rudolf Buchbinder meißelt deren Zerstörungskraft mit ungeschönter Härte in den Steinway, setzt sie gegen die parodistisch einfallslose, stockende Tänzelei ab – und lässt das Allegretto als flatterhaftes Perpetuum mobile folgen: Es endet in einem pianistischen Furor, dem unweigerlich Jubel antwortet. Nicht erst in Opus111 hat sich Beethoven auf eine eigentümlich komplementäre Zweisätzigkeit beschränkt; nicht nur in den berühmteren Sonaten, sondern z.B. auch in Opus54, diesem entstehungsgeschichtlich zwischen Waldstein-Sonate und „Appassionata“ gleichsam eingezwängten Werk, ereignet sich Unerhörtes.

Denn diese 32 Klaviersonaten sind unerschöpflich. Buchbinder reagiert darauf auf seine Weise: Bei nicht nachlassenden Beethoven-Exerzitien lässt sich der Marathonmann unter den Pianisten immer wieder aufs Neue von ihnen aus der Reserve locken – und zwar mit so viel Verve, dass seine Reserven fast ebenso unerschöpflich scheinen. Mehr als 45 Mal hat er dieses „Neue Testament des Klaviers“ (wie Hans von Bülow die Beethoven-Sonaten nannte) schon komplett aufgeführt, seit 2000 allein zweimal in Wien, 2010/11 in Dresden – der CD-Mitschnitt erntete hymnische Kritiken. Beim Carinthischen Sommer hat er gerade einen weiteren Zyklus mit der finalen Sonatentrias zu seinem Ende gebracht – und nun, kaum 14 Tage später, stürzte er sich in Salzburg in das gleiche und doch wieder neue und aufregende, weil enorm komprimierte Abenteuer: alle Sonaten, auf sieben Abende über zweieinhalb Wochen verteilt, diesmal mitgefilmt. Das ist auch eine physische Herausforderung – doch Buchbinder ist einer der wenigen Tastentiger unserer Zeit, die deren künstlerischer wie auch sportiver Seite gleichermaßen gewachsen sind.

 

Feuriges Tempo: c-Moll-Sonate op. 10/1

Wenn Beethoven 1796 beklagte, beim damaligen Stand des Instrumentenbaus glaube man oft eine Harfe statt eines Klaviers zu hören, dann macht Buchbinder klar, wie bald Beethoven jedes zarte Gezirpe hinter sich lassen wollte. Neben dem Aufmüpfigen, Störrischen fasziniert ihn nämlich das ungestüm Brillante besonders: Wie feuriges Tempo und artikulatorisches Gewicht, ja sogar scharfe Attacke zusammenwirken können, war in der c-Moll-Sonate op.10/1 ebenso überdeutlich zu erleben wie im Finale von op.27/2 oder den beiden zugegebenen Schlusssätzen anderer Sonaten. Das klangvolle „Singen“ aber, das Beethoven an der erwähnten Briefstelle eigentlich für das Klavier reklamieren wollte, und die Poesie des Vortrags – sie wurden an diesem zweiten Abend zumindest nirgends so deutlich wie in den ganz delikat dargebotenen letzten Takten der „Grande Sonate“ op.7.

Konzerte am 8. und 12.8.: Es gibt noch Restkarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2014)