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Soziales: „Kein Mandala-Malen im Hinterhof“

Robert Mittermair
Robert Mittermair(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie ermöglicht man psychisch Kranken mehr Lebensqualität? Mit individuellen Wohnmöglichkeiten, die die Psychiatrie ersetzen, mit stabilen Bindungen, mit sinnvoller Beschäftigung. Aber solche Angebote sind knapp.

Wien. Zwangseingewiesen in die Psychiatrie. Zwischen weißen Kitteln, schreienden Patienten – und womöglich geistern da auch noch Bilder von Gurten oder Netzbetten im Kopf herum. Die stationäre Psychiatrie als Horrorvision. Dass es auch ein Leben mit schwerer psychischer Krankheit, aber ohne Psychiatrie gibt, dafür arbeitet der Wiener Verein LOK. LOK steht für Leben ohne Krankenhaus, und das erklärt das Leitmotiv: vielfältige, individuelle Betreuung für jeden Einzelnen, selbstbestimmtes Leben soll möglich sein.

„Die meisten kann man soweit stabilisieren, dass ein Leben in Wohngemeinschaften oder in eigenen Wohnungen möglich ist. Wir können so viele langjährige Psychiatrie-Karrieren verhindern“, sagt Robert Mittermair, der Geschäftsführer des Vereins. Über die Jahre dürften hunderte solcher „Karrieren“ auf diese Weise abgekürzt worden sein: Denn LOK gibt es schon seit 1989. Damals, erzählt Maria Schernthaner, Mitbegründerin und heute Vorstandsmitglied, konnten viele Patienten jahrelang nicht aus dem Spital entlassen werden, weil es kaum intensiv betreute Wohngemeinschaften gab. Schließlich wurde die erste LOK-WG vom Fonds Soziales Wien (FSW) genehmigt, acht Menschen zogen ein. Ihre Beeinträchtigungen reichten von Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, Depression, bis hin zu bipolaren Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten.

 

„Echte Arbeit“

Die Diagnosen haben sich bis heute wenig verändert, die Anzahl wohl: Heute leben in den ständig betreuten WGs 60 Menschen, 200 leben selbstständig und werden ambulant betreut, und 100 sind in den Beschäftigungsprojekten des Vereins: dem Second-Hand-Shop LOK Couture in der Mariahilfer Straße, dem Blumenladen Unverblümt in Margareten und dem Café/Second Hand Plattenladen LOKal in Neubau. Das sind keine sozialökonomischen Betriebe, sondern Beschäftigungsprojekte. „Aber kein Mandala-Malen im Hinterhof. Es soll den Charakter von Arbeit haben, das Gefühl geben, gebraucht zu werden“, sagt Mittermair. Die Menschen werden sichtbar, sie sind keine weggesperrten Kranken mehr. „Wir behandeln die Leute nicht, wir begleiten sie“, sagt Schernthaner. Bei den einen gehe es um praktische Fragen wie die Wohnsituation. Danach, wie viel Betreuung notwendig ist. Oder Begleitung bei Amtswegen oder Arztbesuchen. Bei anderen Klienten geht es um den richtigen Umgang mit ihrer Krankheit oder darum, nach einer Diagnose einen neuen Lebensentwurf zu finden.

Letztlich, sagt Schernthaner, sind es Fragen der Lebensqualität, der Selbstbestimmung, es geht um Ängste, Unsicherheiten. „Ein zentraler Aspekt ist es, dass wir langfristige Beziehungen aufbauen, dass diese Bindungen auch Krisen aushalten“, so Mittermair. Denn wenn psychisch Kranke das erleben, funktioniere plötzlich vieles andere auch.

„Menschen, die Jahre im Spital waren, stabilisieren sich mit geringem Betreuungsaufwand“, sagt er. Obwohl alternative Angebote gewachsen und die Zahl der Psychiatrie-Betten in Wien gesunken ist, ist der Bedarf an individueller Betreuung hoch. „Wir könnten uns aus dem Stand verdoppeln“, sagt Mittermair. Beim teilbetreuten Wohnen gibt es beispielsweise 200 Plätze bei LOK, 250 Menschen stehen auf einer Warteliste. Sukzessive wächst das Angebot, die Zahl an vom FSW finanzierten Betreuungsplätzen. „Ein Ausbau solcher Angebote würde die stationäre Psychiatrie weiter entlasten“, sagt Mittermair. Obwohl beide die Wiener Verhältnisse im Vergleich loben – Ideen, um diese zu verbessern, gibt es viele: LOK entwickelt gerade ein Konzept, bei dem Bewohner von einer WG in eigene Wohnungen ziehen, aber von einer zentralen WG aus betreut werden, in der sie in Krisensituationen kurzfristig unterkommen können. „Die Konzepte entwickeln sich in Richtung bedürfnisorientierter Angebote“, sagt Schernthaner. Das entlastet letztlich auch den Sozialstaat.

Mangel besteht auch noch bei differenzierteren Angeboten für Gruppen von Betroffenen: für junge Menschen, etwa mit Schizophrenie- oder Borderline-Diagnose, die mit 18 oder 19 Jahren aus WGs der MA11 ausziehen müssen. Denn gerade bei jungen Erwachsenen steigt die Zahl der Betroffenen. In eine WG mit 50-Jährigen gesteckt zu werden, ist da nicht ideal. Eine andere Behandlungsform, die es in Wien nicht gibt, sind Weglaufhäuser wie in Berlin, erzählt Mittermair. „Das sind Häuser, in die Betroffene in Krisensituationen können, die aber ein anderes Setting als ein Spital haben“ – und die deshalb früher aufgesucht werden. Ein anderer Ansatz, der in Niederösterreich oder Vorarlberg verfolgt wird, ist die Peer-Beratung, bei der eigens ausgebildete (frühere) Betroffene andere Kranke beraten. „Es geht darum, das Angebot noch mehr zu differenzieren“, sagt Schernthaner. Denn kranke Menschen sind wie alle anderen vor allem eines: unterschiedlich.

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DIE IDEE

Leben ohne Krankenhaus – kurz LOK, heißt ein Wiener Verein, der psychisch Kranke in WGs oder in ihren eigenen Wohnungen betreut. Die Ideen für Alternativen für ein möglichst selbstbestimmtes, lebenswertes Leben von psychisch Kranken reichen noch weiter: von „Weglaufhäusern“ als Zuflucht in Krisensituationen bis zur „Peer-Beratung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2014)