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ImPulsTanz Wien: Das Schicksal will einfach nicht tanzen

(C) ImPulsTanz/ Kris Rozental
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Choreograf Lloyd Newson versucht mit „John“ eine Annäherung an ein Leben voller Leid und Gewalt.

Was für eine Geschichte! Der Vater ein Schläger; er prügelt der Mutter zwei Babys aus dem Bauch. Die Mutter eine professionelle Ladendiebin; sie nimmt die Söhne mit auf Tour, sie müssen Schmiere stehen und die Verkäufer ablenken. Überhaupt die Kinder: Sie werden eingesperrt, damit sie nicht an den Kühlschrank gehen, ans Bett gefesselt, verprügelt, werden Zeugen, wie der Vater die Babysitterin vergewaltigt. Als der deshalb ins Gefängnis muss, schreitet die Fürsorge ein und bringt die beiden Söhne zwischenzeitlich im Heim unter. „Ich war froh“, sagt John.

John, Nachname unbekannt, steht im Mittelpunkt des Stückes von Lloyd Newson, das bei ImPulsTanz seine Uraufführung erlebte. Von John sind die meisten Zitate, er lieh dem Stück den Titel. Mit Dutzenden Männern hat Newson gesprochen, Stunden über Stunden an Material hat er gesammelt für einen kompromisslosen, einen ehrlichen Abend über Liebe und Sex, aber kein Schicksal hat den australischen Choreografen offenbar mehr bewegt als das des drogenabhängigen Gelegenheitsdiebs, der als kleines Kind schon mehr Gewalt und Leid erleben musste als die meisten in einem langen Leben.

 

Intime Bekenntnisse

Man kann es verstehen. Man ahnt, was Lloyd Newson so fasziniert hat an seinem Gegenüber, dass er offenbar das gesamte Konzept des Abends über den Haufen geworfen hat, und sich, statt eine vielstimmige Collage zu erarbeiten, auf einen einzigen Menschen konzentriert hat. Man versteht, man ahnt – aber wirklich nachvollziehbar wird es nicht. Vielleicht, weil Newson nicht wagte, das Material entsprechend zu bearbeiten, weil er Angst hatte, zu viel zu kürzen. Atemlos folgt Episode auf Episode, die sterbende Mutter, die totgeschüttelte Nichte, die Freundin, der von den Aids-Medikamenten übel wurde und die dann bei lebendigem Leibe verfaulte... Ein Leben im Schnelldurchlauf.

Der Tanz verkommt dabei über Strecken zu einer Art Begleitbewegung. Schön anzuschauen, aber ohne dass er dem Text etwas hinzufügte. Freilich, es gibt Szenen, denen man ansieht, was möglich gewesen wäre: Wenn die Tänzer auf der Bühne eine Gerichtsverhandlung nachstellen und sich bewegen wie auf Schienen: die Justizmaschinerie. Wenn John davon erzählt, wie er heranwuchs, und dabei körperlich so in Schieflage gerät, dass man meint, er müsste im nächsten Moment auf den Boden knallen.

Oder wenn der Saunabetreiber seinem neuen Gast die Anlage zeigt, tänzelnd und werbend. Wir sind im zweiten Teil des Abends angekommen, hier kommen – relativ unvermittelt – auch andere Männer zu Wort: Der Saunabetreiber sorgt sich etwa um die Gesundheit seiner Kunden bzw. er befürchtet, Drogentote könnten ihm das Geschäft verderben. Sex in seiner Sauna, erklärt er später, sei viel sicherer als zu Hause, weil die Wände der Kabinen so dünn sind, dass eine Vergewaltigung schnell auffallen würde. Sehr freimütig gibt in einer anderen Sequenz ein Homosexueller zu, er bestehe auf Sex ohne Kondom. Ja, er sei HIV-positiv, aber nur so sei Sex wirklich intim. Als der Interviewer nachbohrt, weicht der Mann aus: „Egal.“

Es sind sehr intime Bekenntnisse, sie haben dazu geführt haben, dass es für diesen Abend eine Art Jugendverbot gibt. Am Ende hören wir aber doch noch einmal John, diesmal im Original. Er erzählt von seinem Wunsch nach Normalität, und seine Stimme ist spröde und warm.

Das also, endlich, ist John.

www.Lloyd Newson/DV8 Physical Theatre: „John“, noch am 7., 8. und 9.August, Akademietheater, 21Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2014)