Verdis „Due Foscari“ in umjubelter konzertanter Aufführung unter Bertrand de Billy mit Leo Nucci.
Verdi konzertant? Das kann durchaus Sinn haben, wenn es sich um ein Frühwerk wie die „Due Foscari“ handelt, ein Werk, dessen dramaturgische Schlagkraft im Vergleich zu „Traviata“, „Otello“ und Co. ärmlich genannt werden darf, dessen Musik aber viel Hörenswertes enthält, das sich bei einer Live-Darbietung entsprechend spontan und mitreißend darstellen lässt. Stehen die Sänger vorschriftsmäßig an der Rampe, erspart das Kostümschneidern Nervenzusammenbrüche, weil zum Duett oder Terzett multiplizierte Leibesfülle auf dem Konzerthaus-Podium keine szenische Effekte ins Lächerliche ziehen droht.
Jede Menge „Hoher Cs“
Selbstverständlich hat auch die jüngste konzertante Ehrenrettung eines Werks der künstlerischen Entpuppungsphase Verdis wenig bis nichts mit dem zu tun, was kundige Opernforscher über vokale Sitten und Gebräuche in italienische Opernhäusern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sagen wüssten. Doch freut den Melomanen, Stimmen wie jene der Kanadierin Manon Feubel und des Italieners Francisco Casanova zu hören, die als geplagtes Ehepaar jedenfalls mühelos den enormen Ambitus von Verdis Sopran- und Tenor-Vorgaben zu füllen wissen. Allein die Anzahl der hohen Cs, die Feubel jeweils nur leicht distonierend und immer effektsicher trifft, ist so respektgebietend wie die Attacke, die sie in besonders sinistren Augenblicken ihrem tiefen Register abringt. Zwischendrin gelingen ihr wie dem Tenor ausgiebige, sehr wohlklingend modellierte Phrasen, Casanova sogar manch ehrlicher Pianoton. Das macht insgesamt vergessen, dass Verdis penible Vorgaben in Sachen Koloratur und Ziergsang sehr großzügig ausgelegt werden.
Leo Nucci und der Kaiser Franz Joseph
Man hält beim Status veristischer Kraftmeierei. Die wirkt diesfalls dank stimmlicher Potenz der Protagonisten sicherer als in den meisten Vergleichsbeispielen an Wiener Opernhäusern. Freilich steht Leo Nucci im Mittelpunkt des Interesses, gibt den Dogen, dem wie einst unserm Kaiser Franz Joseph nichts erspart bleibt, mit ebensoviel Kraftpotenzial wie die jüngeren Kollegen ringsum an ihre Figuren verschwenden, doch weiß er es expressiv zu färben, verleiht auch introvertierten Passagen hohe Ausdrucksdichte. Dazu der Aplomb, mit dem die Stimme in höchste Höhen geführt wird, eine Terz über dem, was Verdi seinem Helden, einem frühen Vertreter des nachmals zum eigene Genre gewordenen „Verdi-Baritons“ vorschreibt.
Ovationen sind den Vokalartisten allen sicher, auch Dan Paul Dumitrescu, der nicht annähernd jene Profilierungschancen erhält, die spätere Opern des Komponisten für Widerlinge und Intriganten aller Art bereit halten; und Nina Bernsteiner, die ihre kurzen Einwürfe als Vertraute der Primadonna mit schöner Sopranstimme absolviert.
Der Meister des „Nabucco“ nutzt in diesem, zwei Jahre nach „va pensiero“ komponierten Stück auch den Chor mit Fleiß, was dem philharmonischen Chor Pressburg exzellente Chancen bietet – vom Pult aus con fuoco modelliert von Bertrand de Billy, ohne dessen Engagement der Abend allerdings undenkbar gewesen wäre: Wie er mit seinem RSO Wien den Cabaletten unterzündet, wie er große Ensembles spannungsreich aufbaut, wie dann solistische Passagen vom Format des Duetts zwischen Bratsche und Violoncello am Beginn des Mittelakts die subtilen Saiten in Verdis künstlerischem Repertoire zum Schwingen bringen, all das sichert einer solchen Aufführung Ausnahme-Rang. Fast gemahnen die ersten Minuten des Finale II an spätere architektonische Höhenflüge vom Format des dritten „Traviata“-Bilds. Nichts von Geringschätzung jedenfalls einem Werk gegenüber, das einst auch ein Gaetano Donizetti für bemerkenswert hielt: Er vernahm da wohl bereits Vorahnungen kommender Geniestreiche; wenn auch, anno 1845 in Wien (!), vermutlich weniger vokale Brachial-Beglückung.
„I due Foscari“ in Ö1: 31. Mai, 19.30 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)