Barack Obama erreichte mit den jüngsten Vorwahlen die Mehrheit der Delegiertenstimmen – ein wichtiger Meilenstein im Kampf um die Nominierung.
Es ist wie eine der grausamen Strafen der Götter aus der griechischen Mythologie: Hier ist Hillary Clinton, die logische Präsidentschaftskandidatin, die ihr Leben lang auf dieses Ziel hingearbeitet hat; die sich schon die Inneneinrichtung im Weißen Haus überlegt, die ihr großes Ziel vor Augen hat wie Tantalus das Wasser oder Sisyphus den Gipfel des Berges. Doch wie der Stein, der Sisyphus im letzten Moment entgleitet und den Berg hinunterrollt, kommt plötzlich ein völlig unbekannter Jungpolitiker aus Illinois und zerstört all ihre Träume.
Dass Hillary Clinton nicht die diesjährige Präsidentschaftskandidatin der demokratischen Partei sein wird, ist allen klar: Den Wählern, die in immer kleiner werdenden Zahl zu ihren Veranstaltungen kommen; den Parteigranden, die reihenweise Barack Obama unterstützen; den Republikanern, die sie nicht einmal mehr attackieren. Nur sie selbst will es nicht wahrhaben. „Hillary Clinton ist ein Zombie: Sie ist tot, aber sie weiß es nicht“, urteilte die „Chicago Tribune“.
Meilenstein für Obama
Die gestrigen Vorwahlen in Kentucky und Oregon brachten auch keine Wiederbelebung. Vielmehr triumphierte Obama symbolträchtig am Ort seines ersten Vorwahl-Sieges in Iowa. Mit seinem Erfolg bei den Parteiversammlungen in diesem Bundesstaat Anfang Jänner etablierte er sich als ernstzunehmender Kandidat und fügte Clinton die erste schwere Niederlage zu.
Am Dienstag kam eine weitere dazu, als Obama mit den beiden Abstimmungen einen Meilenstein erreichte: Er hat jetzt die Mehrheit der bei den Vorwahlen zu vergebenden Delegiertenstimmen. Noch immer nicht genug für die Nominierung (dazu benötigt er die ungebundenen Super-Delegierten), aber eine symbolisch wichtige Zahl.
Der 46-jährige war nicht so verwegen, bereits seine Nominierung zu feiern. In einem Memo warnte er davor, die Veranstaltung in Iowa als Siegesfeier darzustellen. Aber hin und wieder passieren ihm Versprecher, die tiefe Einblicke geben: Etwa wenn er vor einer Rekordzahl von 75.000 Menschen über Clintons Kandidatur in der Vergangenheitsform spricht („Sie war klug und entschlossen“) oder über sich als Kandidat („Wer hätte jemals gedacht, dass ein Schwarzer Präsidentschaftskandidat sein würde“).
In den vergangenen Tagen hat der Senator wichtige Unterstützung bekommen. Etwa die seines einstigen Gegners John Edwards, der 2004 an der Seite von John Kerry Vizepräsidentschaftskandidat war und sich auch heuer wieder um eine Kandidatur bewarb. Edwards spricht vor allem die Arbeiterklasse an, mit der Obama Probleme hat. Edwards' Wahlempfehlung für Obama war ebenso wichtig wie die von Robert Byrd. Der längstdienende US-Senator (seit 1959) sprach sich für Obama aus, obwohl Clinton in seinem Heimatstaat West-Virginia einen überwältigenden Sieg feierte. Byrds Hilfe birgt viel Symbolik: Der 91-jährige war in seiner Jugend Mitglied des Ku-Klux-Klans.
McCain ignoriert Clinton
Clinton aber will nicht aufgeben. „Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist“, ruft sie fast täglich ihren Anhängern zu. Sie werde weitermachen bis zum Ende – wobei niemand weiß, wie sie dieses Ende definiert: Die letzte Vorwahl am 3. Juni? Der Nominierungsparteitag Ende August in Denver? Oder vielleicht gar erst der 20. Jänner 2009, wenn der 44. Präsident der USA auf den Stufen des Kapitols angelobt wird?
Clintons verzweifeltes Festhalten an ihrem Traum droht zu einer Peinlichkeit zu werden. Tag für Tag attackiert sie beispielsweise John McCain, den republikanischen Kandidaten. Doch der reagiert nicht einmal mehr auf ihre Angriffe, für ihn ist Clinton nicht mehr von Bedeutung.
Ihre Versicherung, sie könne noch gewinnen, erinnern an die Auftritte von Saddam Husseins Informationsminister während des Irakkriegs im Jahr 2003, der von einem bevorstehenden Sieg über die USA sprach als im Hintergrund schon die amerikanischen Panzer durchs Bild fuhren. Ihn nannten sie am Schluss nur noch „Comical Ali“. Hillary Clinton läuft Gefahr, sich einen ähnlichen Spitznamen einzuhandeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)