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Medizin: UK legalisiert Minotaurus in nuce

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Eine Mixtur aus Mensch und Kuh, aus der embryonale Stammzellen gewonnen werden sollen, fand die Zustimmung des Parlaments in London. Es genehmigte auch die Herstellung von „Designer-Babys“.

Anfang der 90er-Jahre übte ein Student der University of Massachusetts den „Kerntransfer“, das ist das Verfahren, mit dem man Säugetiere klont: Man nimmt eine Eizelle, entfernt ihren Kern – in ihm sitzt der Großteil der DNA – und ersetzt ihn durch den Kern einer Körperzelle, etwa einer von der Haut. Der Student übte an Kaninchenzellen, die gingen ihm teilweise aus, Eizellen hatte er noch, Körperzellen keine mehr. Kurzerhand nahm er einen Abstrich von der Mundschleimhaut des Laborgehilfen und machte damit weiter. Als der später verständigte Laborleiter etwas heranreifen sah, was wie ein Embryo aussah, wurde er „sehr nervös“.

Warum er nervös wurde, führte er nicht aus, vielleicht graute ihm vor Chimären, obgleich die in allen Mythen gut vertreten sind, sei es als Mischung von Menschen und Tieren – wie beim Minotaurus oder den Kentauren –, sei es als Mischung von Göttern und Menschen, Zeus ist einschlägig bekannt, auch die Bibel ist voller reproduktionsbiologischer Wunder: Eva wurde aus Adams Knochen geklont, Jesus rief im Sterben nach seinem Vater, Gott.


Mixtur ist schon lange patentiert

Vielleicht hatte die Nervosität des Forschers aber ihren Grund auch schlicht darin, dass er nicht wusste, wie weit so eine Kreatur gedeihen kann, er brach das Experiment ab. 1996 unternahm er es selbst – bei Advanced Cell Technology (ACT), einer Spezialfirma für embryonale Stammzellen (ES) –, er verwendete Eizellen einer Kuh und Zellkerne von Menschenhaut. Wieder gedieh etwas, ein embryonaler Minotaurus. Seit 1998 gibt es ihn offiziell, der Forscher erhielt für sein Produkt ein Patent des Internationalen Patentamts in Genf (WO, 98/07841).

Natürlich hatte er den Antrag nicht mit „Minotaurus“ überschrieben, er wollte die Kreatur auch nicht heranreifen lassen; stattdessen hieß sie „Embryonic or Stem-Like Cell Lines Produced by Cross Species Nuclear Transplantation“, und sie sollte einen Weg aus den Dilemmata der Produktion von ES von Menschen weisen. ES sind das große Hoffnungsgebiet der Medizin, aus ihnen kann man Körperzellen machen, jede beliebige, also, theoretisch, Transplantate für Alles und Jedes. Aber dazu braucht man Embryos, und deren Problem liegt technisch darin, dass man Eizell-Spenderinnen braucht, ethisch ist es noch härter, die Embryos werden bei der Entnahme der ES zerstört.

„Unsere Eizellen kommen vom Schlachthof, von Tieren, die der Ernährung dienten“, beruhigten deshalb Anfang April 2008 Ärzte der Newcastle University, als sie ihre Mensch/Kuh-Mixtur vorstellten, auch ihnen ging es um ES. Auch sie umgingen den Namen „Minotaurus“, sie nannten es „Zybride“: Ein „Hybride“ ist ein Tier, das Gene von zwei Arten hat; aber die Mensch/Kuh-Mixtur ist fast nur Mensch, von ihm ist der Zellkern, gemischte Gene hat sie nur um den Kern herum, im Zytoplasma, deshalb: Zybride.

Dieses Experiment war das erste, das eine offizielle Genehmigung hatte, sie kam von der zuständigen britischen Human Fertilisation & Embryology Authority (HEFA), sie stand in der – in Sachen Reproduktionsmedizin – liberalen Tradition der Insel. 1978 kam dort Louise Brown zur Welt, das erste Retortenbaby aus der in vitro Fertilisation (IVF); 1996 kam dort „Dolly“ zur Welt, das erste geklonte Säugetier; 2003 kam dort „Jamie“ zur Welt, das erste „Designer-Baby“: Eine Familie hatte ein Kind mit einer tödlichen Krankheit, die nur mit einem Transplantat – einer Zell-Spende – therapiert werden kann. Aber auf der ganzen Erde fand sich kein Spender, dessen Gene zu denen des Kindes passten.

Deshalb wollte die Familie ein zweites Kind, via IVF: Dabei werden immer mehrere Embryos zugleich erzeugt, dann kann man mit Präimplantations-Diagnostik prüfen, welches man ausreifen/tragen lässt. In diesem Fall sollte geprüft werden, welches die passenden Gene hat, um dem älteren Geschwister das Überleben zu ermöglichen.


„Lebensretter“ vs. „Frankenstein“

Der Plan schlug hohe Wellen, er ging trotzdem durch. Noch mehr Emotionen weckte die Mensch/Kuh-Mixtur: „Monströs“ nannte sie Schottlands Kardinal Keith O'Brian in seiner Osterpredigt und, natürlich, „Frankenstein“. Deshalb legte Premier Gordon Brown die Genehmigungspraxis der HEFA dem Parlament zur Überprüfung vor. Es ging um mehrere Fälle, am Montag um die Mensch/Kuh-Mixtur und das Designerbaby. Die Regierung ist gespalten – Brown, der ein genetisch krankes Kind hat, befürwortet die Mixtur („wird Millionen Leben retten“), katholische Minister in seinem Kabinett lehnen sie ab –, auch die Parteien sind es, die Abstimmung wurde frei gegeben.

Sie ging in beiden Fällen zugunsten der bisherigen Praxis aus: Ein Antrag, Zybriden zu verbieten, wurde mit 336 zu 176 Stimmen zurückgewiesen, einer gegen Designer-Babys blieb ebenfalls in der Minderheit. Am Dienstag ging es um eine Verkürzung der Frist für legale Abtreibungen und um noch eine Delikatesse der Reproduktionsmedizin: Dürfen sich Frauen, alleine oder in Paaren lebende, mit Sperma unbekannter Männer befruchten lassen? (Abstimmungsergebnisse waren bis Redaktionsschluss nicht bekannt.)


Demnächst: Kinder für schwule Paare?

Schluss der Debatte? Mit Sicherheit nicht, das zeigte die Lautstärke im Parlament. Es kommen aber auch ganz automatisch die nächsten Mirakel der Stammzelltechnologie und der Reproduktionsbiologie – und ihrer Kombination, die bald alle Mythologien in den Schatten zu stellen verspricht: Aus ES kann man alle Zellen machen, auch Eizellen und Sperma. Damit eröffnet sich für homosexuelle Männer-Paare die Perspektive, dass der eine aus einer Hautzelle ein Ei klonen lässt, und der andere Sperma, in der Retorte würde beides vereint (bei Frauen ginge das nicht, Sperma braucht ein X-Chromosom). In fünf Jahren ist es soweit, spätestens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)