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Apokalyptische Reiter, die wir nicht sehen wollen (II)

Noch glaubt der Durchschnittsbürger, unsere Demokratie sei gesichert für ewig. Wer aber sagt das? Bisher hatten wir sie nur für die Dauer eines Wimpernschlags in der Geschichte.

Man bemerkt sie nur mehr selten: Sektenmitglieder, die den Straßenpassanten Hefte mit der Mahnung entgegenhalten „Erwachet!“. Weltkundige spotten über die Weltfremdheit der stummen Missionare. Andere halten eine „Endzeit“ für möglich – aber in wohltuend sternenweiter Ferne. Gebildete erinnern an die Enttäuschung der Urchristen darüber, dass der Messias zu ihren Lebzeiten nicht wiederkehrte. So hält man sich heute gerne bedeckt. Das eschatologische Bewusstsein von der befristeten Zeit ist eliminiert.

Der gängige Subtext unserer zweckrationalisierten Gesellschaft lautet: „Wenn wir nur lang genug forschen, genau genug experimentieren, Erfahrung an Erfahrung reihen, dabei keine Tabus achten, dann können wir letztlich alles erreichen, was wir wollen.“ Dieses Gewissheitsgefühl wird heute brüchig. Durch die Hintertür kommen neue Kontingenzerfahrungen wieder zu uns – teils als Hysterie (Vogelgrippe), teils real.

Zehntausende Tote durch nicht beherrschbare Kataklysmen; Millionen Klimaflüchtlinge, die in Gewalt eine letzte Lösungsmöglichkeit sehen könnten; das Millenniumsziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, weiter entfernt denn je; der heraufziehende Kriegsgrund eines Wassermangels, der heute schon eine Milliarde Menschen quält; die asiatischen Weltmächte von morgen im immer härteren Kampf um die Ressourcensicherung; die vehemente Abwehr von Entwicklungsländern gegen den Druck, ihre Modernisierung wegen des CO2-Ausstoßes zu beschränken. Doch jeder weiß: Die Erde hielte es nicht aus, sollten Milliarden Asiaten einen Lebensstil wie der Westen pflegen wollen.


Auffassung vom Rechtsstaat erodiert

Noch glaubt der Durchschnittsbürger, unsere Demokratie sei gesichert für ewig. Wer aber sagt das? Bisher hatten wir sie nur für die Dauer eines Wimpernschlags in der Geschichte. Schon die Erfahrung mit der Terror-Herausforderung von 9/11 hat den Westen tiefgreifend verändert. Für seine Bewohner gewinnt die innere Sicherheit klaren Vorrang vor der Freiheit. Die alte Auffassung vom Rechtsstaat erodiert. Auch in Europa beginnen Juristen mit Abwägungsklügeleien, ob der Staat im Notfall vielleicht doch foltern dürfe. Noch vor einem Vierteljahrhundert hat die Öffentlichkeit hochsensibel auf allzu detaillierte Volkszählungen reagiert; groß war die Kritik daran, den „gläsernen Bürger“ etablieren zu wollen. Dieser Widerstand schwindet. Die Möglichkeit für Online-Durchsuchungen der Polizei rückt näher; Europa hat seit langem zehntausende Überwachungskameras akzeptiert.

Wenn Menschen Schwierigkeiten wahrnehmen, die sie als existenzbedrohlich empfinden, neigen sie zu Radikallösungen, an die sie selbst nicht dachten, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem Buch „Klimakriege“. Der Westen gebe viel auf seine Humanität, auf Vernunft und Recht, „obwohl diese drei Regulierungen menschlichen Handelns historisch gesehen jedem Angriff erlegen sind, wenn er nur heftig genug ausfiel“.

Diesem Skeptizismus muss man entgegenhalten, dass gerade die Freiheits-, Wohlstands- und Sicherheitsverheißungen der westlichen Demokratien – trotz vieler Missstände – ihre weltweite Anziehungskraft keineswegs schon verloren haben. Im Gegenteil. Doch Demokratien brauchen für ihr Überleben Demokraten, also Bürger, die gegenüber den globalen Problemen nicht „Apperzeptionsverweigerung“ betreiben (wie Doderer das willentliche Nichtverstehenwollen nannte).

Wenn wir lesen, dass täglich 24.000 Menschen an Hunger sterben, dann wirkt solche Statistik eher erstickend als mobilisierend. Wenn wir erfahren, dass die reichsten 200 Personen der Welt so viel Vermögen besitzen wie 40 Prozent der Weltbevölkerung, dann kann das Wut über solche Ungerechtigkeit auslösen. Das einstige Hochgefühl über das „Ende der Geschichte“ und den finalen Sieg der Demokratie ist dahin. Stattdessen wächst eine diffuse Angst. Angst vor der Globalisierung und dem Terror, vor dem Islam und der Massenmigration, vor Arbeitslosigkeit und Identitätsverlust. Viele Menschen in Europa wissen nicht mehr, wer sie jenseits ihres physischen Substrates sind oder sein wollen.

Wenn eine Kultur spürt, dass es mit ihr zu Ende geht, lässt sie den Priester rufen, ätzte Karl Kraus. Als Benedikt XVI. vor kurzem vor 50.000 Gläubigen in Washington sprach, warnte er vor zunehmender Gewalt und Entfremdung; die modernen Gesellschaften stünden an einem Scheideweg: „Wir sehen klare Zeichen eines besorgniserregenden Zusammenbruchs der Gesellschaft.“ Auch viele Diskussionen der jüngsten Zeit in Österreich (Stichwort Amstetten) kreisen um die Empfindung einer sich anbahnenden Erschütterung, die wir „abgründig“ nennen, weil wir sie geistig-sittlich nicht zu lokalisieren vermögen.


Gleichgültigkeit der Beati possidentes

Der bedeutende politische Denker Eric Voegelin (1901–1985) sprach von der „Pneumopathologie“ der materialistischen Gesellschaft: „Die Leugnung des Geistes bringt das Leiden an der Gottverlassenheit hervor.“ Dennoch verschließen viele Zeitgenossen die Ohren vor Worten wie denen Benedikts. Entweder, weil die Warnungen von einer Kirche kommen, deren „Glaubensbetrieb“ – nicht wahr? – sowieso apokalypsegetrieben sei. Oder weil die Gleichgültigkeit der Beati possidentes in den Wohlstandszonen (noch) unerschütterlich ist. Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.

Toynbee habe schon Recht gehabt, sagen die intelligenten Relativisten, Geschichte sei das melancholische Schauspiel vom Aufblühen und Absterben der Kulturen. Voegelin verwarf diese Konzeption, sie leide am geistigen Mangel der „Gottesfinsternis“, schrieb der in Wien aufgewachsene Philosoph, dem es in seinem Hauptwerk um den Entfaltungsprozess von „Order and History“ im Bewusstsein des Menschengeschlechts ging.


Tödliche Defizite

Was hat das mit den apokalyptischen Reitern zu tun, die wir nicht sehen wollen? Die eschatologischen Erscheinungen, die Johannes in der Geheimen Offenbarung erwähnt, werden üblicherweise als Krieg und Tod, Hunger und Krankheiten beschrieben. Doch es irrt, wer diese Bilder nur positivistisch auf Phänomene wie Klimawandel und Hungerrevolten beziehen wollte. Es sind auch Metaphern für tödliche Defizite in der sozialen Dimension des Menschen bzw. in seiner individuellen Selbstdeutung. Eine Gesellschaft ohne Bewusstsein ihrer „Existenz unter Gott“ sei nicht zukunftsfähig, so Voegelin. Genau diesen apokalyptischen Reiter wollen wir lieber nicht sehen.

Harald Welzer beendet sein Buch „Klimakriege“ mit einer pessimistischen Deutung der Globalisierung. Sie sei „ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte.“ Welzer wittert das Scheitern der „Aufklärung“.

Muss es so kommen? Nein. Fatalismus ist kein Rezept. Man muss nur tiefer suchen, um die Herausforderungen unserer Zeit genau zu begreifen.

Der Philosoph Paul Ricoeur schrieb dazu 1955: „Jede dieser Herausforderungen ist wie die Frage der Sphinx: Antworte oder du wirst verschlungen. Die Zivilisation ist die Summe der Antworten auf diese Herausforderungen. Solange es schöpferische Kerne gibt, die ,Antwort‘ geben, bleibt die Zivilisation am Leben. Wenn sie sich damit begnügt, ihre alten Fragen nur noch zu wiederholen und keine neuen Anpassungen an neue Schwierigkeiten mehr erfindet, stirbt sie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)