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Verdi in Salzburg: Nichts, was die Netrebko singt, gilt als suspekt

Anna Netrebko spielt die Leonore.(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
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Vor einer „Troubadour“-Premiere gingen früher einmal im Festspielbezirk die Wogen hoch: Darf man denn ein zündendes Verdi-Drama zwischen die Werke der Hausgötter Mozart und Richard Strauss platzieren?

Verdis „Troubadour“ im Festspielhaus! Darüber haben die Salzburger schon einmal die Nase gerümpft. Aber heute? Betrachtet man die Kartenvorbestellungen als tauglichen Gradmesser, dann ist „Il trovatore“ die wichtigste Produktion des diesjährigen Festspielsommers. Und naturgemäß geht es überhaupt nicht um Verdi. Die Netrebko singt!

Als man noch näher an ästhetisch-programmatischen Überlegungen dran war, gab es reichlich Schelte, als Herbert von Karajan den „Troubadour“ ins Programm nahm. Die Kritik verstummte allerdings damals bereits angehörs von Leontyne Price, Giulietta Simionato, Ettore Bastianini und Franco Corelli. Vor dem hohen C des Tenors verblasste jeglicher intellektuelle Konzeptionsgedanke.

Misstrauen gegen jegliche Italianità

Außerdem lag Verdi damals in der Festspielstatistik ohnehin bereits auf Platz drei hinter Mozart und Richard Strauss. Das Misstrauen gegen jegliche Italianità, das beim Festspielmitbegründer Strauss grundsätzlich herrschte, durchbrachen seine Mitstreiter bereits kurz nach Beginn der sommerlichen Unternehmungen. 1925 nahm man neben Mozart-Opern schon den „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti in den Spielplan auf, Deutsch gesungen, von Bruno Walter dirigiert, mit Richard Mayr, der in derselben Saison auch in seiner Paraderolle als Ochs auf Lerchenau in Strauss' „Rosenkavalier“ zu erleben war.
„Don Pasquale“ brach dann 1931 nebst Rossinis „Barbier von Sevilla“ auch den Bann: Erstmals wurde im Festspielbezirk italienisch gesungen – zwar musizierten im Orchestergraben die Wiener Philharmoniker, doch der Chor kam von der Mailänder Scala, und die Solisten waren allesamt Italiener.

Diese Konstellation fand man auch im Festspielsommer 1935 vor. Es hatte eine eminente politische Konnotation, dass Arturo Toscanini an der Salzach erschien. In Bayreuth, wo er zuletzt das Zepter geführt hatte, wollte der Maestro aus politischen Gründen nach der Machtübernahme Hitlers nicht mehr dirigieren. Salzburg nutzte die Gunst der Stunde: Toscanini wurde zum führenden Mann – bis auch in Österreich der braune Vorhang fiel . . .

Mit Toscanini zog Verdi ein. Man gab den „Falstaff“, bis heute die meistgespielte Verdi-Oper bei den Festspielen. Kenner werden das mit Genugtuung quittieren, gilt doch das feingliedrige Spätwerk als Musik für gebildete Zuhörer. Verdi für Menschen, die Verdi nicht mögen, könnte man in Abwandlung eines (auf Bach gemünzten) Spruchs von Glenn Gould anmerken.

Fünf Spielzeiten lang blieb die Produktion auf dem Spielplan – und da Toscanini 1938 auch Salzburg den Rücken kehrte, übernahmen Vittorio Gui bzw. Tullio Serafin.

Aber erst sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es mit „Otello“ unter Wilhelm Furtwängler einen zweiten Verdi-Titel im Salzburger Sommer. Und auch Herbert von Karajan wählte am Beginn seiner Herrschaft, die sich als so dauerhaft erweisen sollte, noch einmal den „Falstaff“, um am 26. Juli 1958 als Eröffnungspremiere erstmals „Don Carlos“ (in der Felsenreitschule) zu dirigieren.

Diese Produktion wurde zum triumphalen Erfolg, auch, weil mit Gustaf Gründgens ein großer Regisseursname auf dem Programmzettel stand (übrigens nach heftigen internen Kontroversen!) und die Sängerbesetzung mit der innigen Elisabeth Sena Jurinac, der vulkanösen Eboli der Simionato, Cesare Siepis König Philipp und Bastianinis Marquis Posa nicht erst in der Retrospektive singulären Rang beanspruchen durfte.

Mit „Don Carlos“ in eigener Regie setzte Karajan dann 1975 noch einmal ein Zeichen: Diese Inszenierung wurde so oft wiederaufgenommen wie wenige andere Salzburger Produktionen – und 1979 auch nach Wien an die Staatsoper übersiedelt, wo sich an einer angedachten TV-Übertragung die Gemüter erhitzten; sie kam nie zustande, doch musste Claudio Abbado damals seine Mailänder Premiere derselben Oper quasi über Nacht umbesetzen, weil Karajan die Fernsehrechte für „seine“ Sänger verweigerte.

Weltkarriere dank TV-Kameras

Fernsehkameras spielten, wir springen in die jüngste Vergangenheit, eine eminente Rolle, als 2005 „La traviata“ über die Bühne ging: Die dieserart in alle Welt katapultierte Violetta der Anna Netrebko wurde zur Klassikikone par excellence und übernahm damit in gewissem Sinne den seit Karajan verwaisten Platz . . .

Inzwischen ist Verdi längst „heimisch“ geworden. Man sah im Festspielbezirk nebst den geradezu zu „Dauerbrennern“ gewordenen Werken „Otello“, „Don Carlos“, „Falstaff“ auch „Macbeth“ und „Simon Boccanegra“, „Aida“ und den „Maskenball“, den Karajan für den Sommer 1989 noch vorbereitet hatte. Die CD-Aufnahme mit Plácido Domingo konnte der Maestro in Wien noch abschließen. Die Salzburger Premiere wenige Tage nach seinen Tod dirigierte Sir Georg Solti.

Als man 1960 das riesig dimensionierte große Festspielhaus eröffnete, räsonierte ein Salzburger Feuilletonist, ob nun „Verdi und Puccini Mozart aus dem Programm verdrängen“ würden. Nun, Verdi wurde an der Salzach heimisch. Puccini blieb über lange Zeit ausgesperrt. Erst Ende der Achtzigerjahre gab es „Tosca“ – da lag der „andere“ italienische Großmeister in der Statistik allerdings lange Zeit gleichauf mit Arnold Schönberg! Auch spätere Inszenierungen von „Turandot“ oder – wiederum für die Netrebko – „La Bohème“ konnten die Puccini-Zahlen nicht nennenswert in die Höhe treiben.

Verdi aber ist zum Salzburger geworden. Das liegt, um das nicht zu vergessen, auch an den zahlreichen Aufführungen seines Requiems im Rahmen der Festspielkonzerte: Noch ein paar Erinnerungsstücke der Karajan-Nostalgie . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2014)