Ein katholischer Verein wollte seinen Schützenkönig mit türkischen Wurzeln zum Abdanken zwingen. Nach Protesten darf dieser „ausnahmsweise“ bleiben – aber nicht schießen.
Berlin. Deutschland hat sein Sommermärchen zum Nachdenken. Es geht um Wurzeln und Weltoffenheit, um Rand und Mitte der Gesellschaft – und wie in diesem Gefüge alles ins Wanken gerät. Schuld dran ist ein muslimischer Schützenkönig, den seine St-Georgs-Bruderschaft vom Thron stoßen wollte. Nach einem öffentlichen Aufschrei, der sich vom Dorfanger über die Republik ausbreitete, lenkte der katholische Verband nun halbherzig ein: Der Fremdgläubige darf seine Königswürde „ausnahmsweise“ behalten. Aber beim Bezirksschützenfest, an dem die Dorfkönige gegeneinander antreten, darf er nicht schießen.
Die Pointe bei dieser Provinzposse mit dem Zeug zur Grundsatzdebatte: Mithat Gedik ist so deutsch, wie es ein Muslim mit türkischen Wurzeln nur sein kann. Er wuchs am Rand des Ruhrpotts auf und wählte katholische Religion als Maturafach. Heute bewohnt der 33-Jährige samt christlicher Frau und drei getauften Kindern ein Einfamilienhaus in Sönnern, einem Dorf in Westfalen, umgeben von Fachwerk und Backstein, Kühen und Pferden. Er löscht Brände bei der Freiwilligen Feuerwehr. Für das Schützenfest Ende Juli unterbrach er das Fasten im Ramadan. Denn Gedik wurde König, samt Filzhut und Kette. Das ganze Dorf feierte mit ihm, auch der Geistliche in der Dankesmesse. Damit schoss der Modellmigrant nicht nur im Wortsinn den Vogel ab: Weiter kann Integration kaum gehen.
Motto: „Glaube, Sitte, Heimat“
Wäre da nicht dieser verflixte Paragraf im Statut, an den niemand gedacht hat: Die Bruderschaft ist „eine Vereinigung von christlichen Menschen“, getreu dem Motto aus dem Mittelalter: „Glaube, Sitte, Heimat“. Anders als die sportlich orientierten Vereine unter dem Dach des Deutschen Schützenbunds sind konfessionelle Bruderschaften stärker religiös fundiert, Vereine kanonischen Rechts. Ihre Mannen tragen das Kreuz und schreiten bei der Fronleichnamsprozession hinter der Monstranz her. Gedik hätte nie Mitglied werden, geschweige denn den Thron des Schützenkönigs besteigen dürfen. Als der Diözesanverband von der Schlamperei Wind bekam, schritt er ein. Abgesandte bedrängten Gedik: Er solle abdanken oder – was ihn besonders empörte – zum Christentum konvertieren. Doch nicht nur die Dorfgemeinschaft stand wie ein Mann hinter ihm.
Rasch schlug der Fall hohe Wellen bis in die Politik. Über „ein Stück aus dem Tollhaus“ ärgerte sich Guntram Schneider, der SPD-Sozialminister Nordrhein-Westfalens. Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bunds schaltete sich ein. Die erregte Öffentlichkeit machte eine seltsame Erfahrung: Was niemand versteht oder hinnehmen will, was allen mittelalterlich vorkommt, wird gewöhnlich in einer Parallelgesellschaft verortet. Und nun entdecken die Deutschen eine solche Parlallelgesellschaft nicht in den Migrantenghettos der Großstädte, sondern in der scheinbar deutschesten aller Institutionen: einem Schützenverein.
Der Bund der Historischen Schützenbruderschaften reagiert gekränkt. Er sieht nicht ein, warum er als „Prototyp der Provinzialität“ dasteht, und bemüht fragwürdige Vergleiche: Die Versuche einer „Zwangsharmonisierung“ und „geistigen Gleichschaltung“ müssten einen „geschichtlich aufgeklärten Bundesbürger erschüttern“. Doch die Basis, die nun allerorts zu Wort kommt, denkt anders. Viele wollen die Satzungen ändern, sich auf neue Werte besinnen. Einst standen die Schützen für Selbstbehauptung freier Bürger gegen feudale Herrschaft. Heute gelten sie Städtern als Inbegriff muffigen, provinziellen Spießertums. Religiöse Bräuche empfinden auch viele Schützen nur als Staffage. Große Schützenfeste wie in Hannover locken die Massen zu Rummel und Besäufnis. Wofür stehen Schützen noch? „Wir wollen unsere Dorfgemeinschaft zusammenhalten“, sagt ein Brudermeister schlicht in der „Zeit“. Und wenn jemand wie Mithat Gedik dabei mitmacht, hängt dieses schöne Ziel nicht am Kreuzchen für die Religionsgemeinschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2014)