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Gaza-Reportage: „Unglaublich, dass ich noch lebe“

(c) APA/EPA/MOHAMMED SABER (MOHAMMED SABER)
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Die Zerstörungen in Gaza sind großflächig. Doch Israels Angriffe setzten am Freitag nach dem Ende der Waffenruhe wieder ein, so wie der Raketenbeschuss der Hamas.

Gestank von Müll, Rauch und Verwesung hängt über Beit Lahia. Die Kleinstadt ganz im Norden des Gazastreifens gehörte zu den ersten, die die Armee zu Beginn des Kriegs räumen ließ. Von den Häusern einer Straße stehen nur noch Gerüste, grau und leer, eingehüllt in dichten Staub. Es sind Mehrfamilienhäuser, jedes beherbergte einst Dutzende Menschen. Die Zerstörung ist großflächig. Mal ist eine Straße betroffen, mal zwei Parallelstraßen, mal ein kompletter Block.

„Ich stehe nicht auf der Liste“, sagt ein Mann. „Vielleicht morgen.“ Eine Hilfsorganisation verteilt Pakete mit dem Nötigsten. Wer auf der Liste steht, kann sich einen Karton nehmen mit Milchpulver, Reis, Bohnen, Öl und Mehl. Immer wieder prüfen ein Vater und sein Sohn die Listen, bevor sie sich mit leeren Händen wieder auf den Weg machen.

Schaban Sukr sitzt auf einem Kissen, dort, wo einmal sein Wohnzimmer war. „Ich kann nicht glauben, dass ich noch am Leben bin“, sagt der 42-Jährige. „Wir waren im Haus, als die Bombardierungen anfingen“, eine Vorwarnung habe es nicht gegeben. Rings herum liegen Trümmer und Schutt. Das Haus links ist verkohlt, gegenüber sind die Fassaden der Gebäude abgerissen, Stützpfeiler drohen einzustürzen. Im Haus gegenüber wohnten seine Eltern. Er habe sie während des Angriffs durch ein Loch in der Wand ins Freie ziehen müssen, weil der Eingang verschüttet war.
Zwei Mitglieder der Großfamilie starben bei dem Angriff.

Sukr versteht nicht, was Israel zu dem Angriff trieb. „Wir waren völlig überrascht“, sagt er. Es sei „unlogisch“, dass sich hier, mitten zwischen Wohnhäusern, Kämpfer versteckt hätten. Israel verbreite Lügen. Dass genau hier mehrere israelische Soldaten zu Tode gekommen seien, die unter den Beschuss einer Antipanzer-Rakete gerieten, hält er für ein Gerücht.

Sukr handelte mit Konserven und Trockenfrüchten. Mehrere Säcke mit Erdnüssen lugen unter den Trümmern hervor: „Ich hatte extra für den Ramadan Ware eingekauft.“ Mandeln, Pistazien und Melonenkerne lagen schon zum Rösten bereit. Der Ofen liegt eingebeult auf der Seite, einige Gasflaschen weisen Kugeleinschüsse auf. Auf mehrere tausend Dollar schätzt der Händler den Schaden allein an den Geräten. Sukr unterstützt den „Widerstand“ gegen Israel, obwohl er bei Wahlen seine Stimme der gemäßigten Fatah geben würde. Stolz berichtet er über seinen Cousin Anwar Sukr, der vor 20 Jahren an einem Bombenanschlag in der Nähe der israelischen Kleinstadt Netanja beteiligt war. Auch die Israelis sollten wissen, „wie sich das anfühlt“.  21 Menschen kamen zu Tode.

„Die Hamas hat keine andere Wahl“

Das Wichtigste sei jetzt, die Frischwasserversorgung wiederherzustellen. Die Leute versorgen sich mit Kanistern aus großen Tankwagen. Der Mangel an Frischwasser betrifft den gesamten Gazastreifen, denn es gibt auch keinen Strom, mit dem das Wasser aus den Brunnen gepumpt werden könnte. Das einzige E-Werk hat bei israelischen Angriffen schweren Schaden genommen, und Raketen der Palästinenser zerstörten Leitungen, durch die vor dem Krieg Strom aus Israel in den Gazastreifen geflossen war.

Nicht jeder kann sich wie die Familie Sukr eine Mietwohnung für die Übergangszeit leisten. Seit drei Wochen lebt Majdi al-Ghoula auf der Straße. „Wir haben vor den Luftangriffen Anrufe bekommen mit aufgezeichneten Warnungen“, sagt die 13-fache Mutter. Sei sei trotzdem zu Hause geblieben, schließlich hätten „alle Leute in Gaza diese Nachrichten bekommen“. Erst als die Angriffe losgingen, rettete sich die Mittvierzigerin mit ihren Kindern auf das Gelände des Schifa-Krankenhauses. Ein paar dünne Matratzen, Plastikstühle, ein paar Teller und eine Teekanne ist das, was die al-Ghoulas noch haben. Unter einem Sonnenschirm und Tüchern wartet die Familie auf Hilfe. Eine Decke versperrt Vorbeigehenden den Blick. „Wir haben nichts mehr“, sagt Majdi, „nichts zu essen, kein Geld.“ „Die Hamas hat keine andere Wahl, als Widerstand zu leisten“, sagt Majdi. „Gaza ist wie ein Gefängnis.“

Beim Spielen von Bomben getroffen

Nur die Eltern des 15-jährigen Wassim Katab und seines neun Jahre alten Bruders, Ibrahim, wollen unter keinen Umständen, dass der Krieg weitergeht. Wassim liegt mit schweren Verletzungen im Schifa-Krankenhaus, aber er wird wieder gesund werden. Ibrahim hat es schlimmer getroffen. Die Ärzte mussten ihm den linken Fuß amputieren. Außerdem hat der Bub lebensbedrohliche Splitter in Brust und Unterleib. „Er muss zur Behandlung nach Ägypten“, sagt sein Vater.

Die Kinder waren zu zehnt und spielten auf der Straße, als die israelische Luftwaffe mehrere Bomben abwarf. Einer der Buben sei sofort tot gewesen, ein anderer habe ein Auge verloren, ein Dritter ein Ohr. Der zarte Ibrahim sitzt im Rollstuhl. Er kann kaum reden. Jemand hat ihm einen goldfarbenen Teddy auf den Schoß gelegt. Seine kleine Schwester kommt und streichelt ihm das gesunde Bein. „Nimm schon den Teddy“, flüstert er und hält ihn ihr entgegen, aber sie will lieber das rosa Häschen von Wassim.

Die Eltern sind tapfer. „Ich könnte immerzu weinen“, sagt der Vater leise. Er macht niemandem Vorwürfe außer sich selbst, dass er die Kinder vor dem Haus spielen ließ. „Wir hatten das nicht erwartet.“ Die Hoffnung der beiden Eltern ist, dass Ägypten die Grenze öffnen wird. Seit Beginn des Krieges sind nur elf Schwerverletzte am Grenzübergang Rafah durchgelassen worden. „Hier stirbt keiner vor Hunger, aber an den Verletzungen sterben noch immer Menschen“, bangt die Mutter. Ihre Standhaftigkeit sei rein äußerlich. „Hier drinnen blute ich“, sagt sie und legt die Hand auf die Brust.

Auf einen Blick

Die Waffenruhe zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen ging Freitagfrüh zu Ende. Sie hatte 72 Stunden weitgehend gehalten und den Menschen im Gazastreifen erstmals seit einem Monat wieder ermöglicht, längere Zeit die Häuser zu verlassen. Die Hamas war allerdings zu einer Verlängerung nicht bereit, solange Israel nicht die wichtigste Forderung erfüllt, nämlich die Blockade des Gazastreifens aufzuheben. Gleich am frühen Vormittag schoss die Hamas wieder Raketen auf Israel ab, die Armee reagierte mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen. Die Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand, die unter ägyptischer Vermittlung in Kairo stattfanden, wurden ausgesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2014)