Um sich vom Westen zu emanzipieren, propagiert der Kreml wirtschaftliche Autarkie. Die Russen werden es überleben. Aber sie zahlen die Zeche für die Laune ihres Helden.
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Wenn das deutsche Unternehmen Rheinmetall die Ausrüstung für das russische Gefechtsübungszentrum Mulino aufgrund der Sanktionen nicht liefere, werde die Anlage eben mit einheimischen Firmen errichtet, stellte Juri Borisov, Russlands stellvertretender Verteidigungsminister, diese Woche klar. „Wir werden daraus keinen besonderen Verlust erleiden“, sagte er und schloss mit einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger, der eine Vorliebe „für alles Ausländische“ gehabt habe.
Nicht nur Borisovs Vorgänger hat alles Ausländische geliebt. Die meisten Russen, die es sich irgendwie leisten konnten, zogen westliche Erzeugnisse den einheimischen vor. Nicht, weil sie etwa billiger waren. Nein, weil sie als trendy und qualitativ hochwertig galten. Ja, und weil man aus eigener Erfahrung wusste, dass man bei inländischen Produkten bis heute die Katze im Sack kauft, sofern sich überhaupt immer eine darin befindet.
Zeitgeist. Damit soll nun Schluss sein. Seit der Ukraine-Krise propagiert der Zeitgeist des Kremls die wirtschaftliche Autarkie. Sanktionen machen uns nur stärker, heißt die Losung. Die Botschaft: „Wir können auch ohne euch im Westen und konsumieren eben unser eigenes – ,Nascha Russia‘.“
Mit einem einjährigen Importverbot für Agrarprodukte aus dem Westen wird das seit Mittwoch auch praktisch forciert. Der Schritt zur wirtschaftlichen Autarkie erscheint als nicht ganz freiwillig, vielmehr als notgedrungen. Der Kreml nämlich war völlig verblüfft gewesen, dass die EU bei ihrer jüngsten Sanktionsausweitung neben der Lieferung von Rüstungsgütern auch den Transfer von Hightech für die Ölindustrie und die Finanzierung russischer Staatsbanken untersagte.
Nun baut Moskau vor. Premier Dmitrij Medwedjew hat bereits eine mehrseitige Liste mit Waren erstellt, die russische Firmen künftig selbst produzieren müssen. Alle Sektoren werden ins Auge gefasst: Ein eigenes Zahlungssystem und eigene Bankkarten statt Visa und Mastercard werden bereits propagiert. Urlaub zu Hause oder auf der Krim statt im verkommenen Westen wird ebenso empfohlen. Gar ein eigenes Internet wurde schon angedacht, weil hinter dem bestehenden angeblich der US-Geheimdienst CIA lauere.
Gewiss, patriotischer Eifer macht manchmal blind. So wurde von den westlichen Branchenführern, Visa und Mastercard, gefordert, einen Milliardenbetrag bei der Zentralbank zu hinterlegen. Erst als diese drohten, überhaupt aus dem Land abzuziehen, ruderten die Beamten zurück.
Stand-by. Es war die Einsicht, dass man nicht alles im Nu allein stemmen kann, nachdem man es eineinhalb Jahrzehnte auf der Welle der hohen Ölpreise verabsäumt hat, rohstoffferne Sektoren zu entwickeln und maximal auf moderne Technologie zu setzen. „Je höher die Technologie, umso schwerer können wir den Import ersetzen“, erklärt Vladimir Zujev, Professor für Globale Ökonomie an der Moskauer Higher School of Economics.
Dramatisch könnte das schon bald auf dem für Russland so entscheidenden Ölsektor werden, nachdem die EU und die USA den Export von Technologie für Tiefbohrungen verboten haben. Die Ratingagentur Fitch meint, dass dieses Embargo den Rückgang der Förderung aus den traditionellen, mittlerweile aber schon sehr reifen Ölfeldern Westsibiriens beschleunige. Was der Ölindustrie schon bald zusetzen könnte, dürfte sich als Phänomen langfristig auf das ganze Land auswirken: Wird heute nämlich nicht in neue Technologien investiert, wird der Rückstand zum Westen sukzessive nur noch größer. Dabei hat sich selbst im Kreml herumgesprochen, dass das rohstoffgetriebene Wachstumsmodell ausgedient hat und ein neues nur auf gesteigerten Investitionen basieren kann. Allein, sowohl ausländische als auch russische Unternehmer haben auf Stand-by-Modus umgestellt. Die Kapitalflucht werde heuer über 100 Mrd. Dollar betragen, so der Internationale Währungsfonds.
Die Lücke wird selbst China nicht füllen können. Dabei bemüht der Kreml die Hinwendung zum Reich der Mitte seit Monaten als Allheilmittel. Immerhin hat Peking kürzlich einem Gasliefervertrag zugestimmt. Aber China hat Russlands Notlage unerbittlich ausgenützt, sodass Russlands Gaskonzern Gazprom dort weniger Profite als in Europa einfahren wird. Nur beim Öleinkauf aus Russland erweist sich Peking als großzügig. Als Lieferant von Hochtechnologie jedoch könne China Europa nur beschränkt ersetzen, so Zujev.
Es steht gar nicht so sehr infrage, ob Russland die jetzige Entwicklung aushalten kann. Das Land ist kaum verschuldet und hat etwa 470 Mrd. Dollar Währungsreserven. Ja, die Wirtschaft droht von der Stagnation in die Rezession bzw. Stagflation zu gleiten. Aber man hat schon Schlimmeres durchlitten. 2009 etwa, als die Wirtschaft mit 7,9 Prozent eingebrochen ist und die Zentralbank zur Stützung des Rubels 215 Mrd. Dollar auf den Markt werfen musste. Durchaus erfolgreich übrigens, zumindest für den sozialen Frieden.
Déjà-vu. Was aber die künftige Lebensqualität betrifft, so geht es ans Eingemachte. Die russischen Verbraucher müssten wohl die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen, meint der deutsche Verband Großhandel zum russischen Importembargo. Das dürfte tendenziell stimmen, selbst wenn die Leute das auch für Putin gefährliche Absinken des Wohlstandsniveaus erst in ein paar Jahren registrieren werden, wie der russische Starökonom Sergej Guriev erklärt. Inzwischen werden die Preise für die sanktionierten Importwaren nach oben schnalzen, und die Menschen werden sich wieder mit schlechteren Produkten abfinden. „Wähle Sowjetisches!“, ätzte kürzlich ein Kolumnist in der Zeitung „Wedomosti“. Sie fühle sich an die Stagnationszeit unter Breschnjew erinnert, sagt eine ältere Dame, die nicht vom Hurrapatriotismus erfasst ist: „Wir haben das alles schon erlebt.“
Zahlen
3,5Milliarden Euro betrugen die Exporte aus Österreich nach Russland im Jahr 2013. Österreich importierte Waren im Wert von rund 3,2Mrd. Euro aus Russland. Der mit Abstand wichtigste Import ist Gas.
206Milliarden Euro betrugen die Exporte aus der gesamten EU nach Russland im Jahr 2013 – aus Russland in die EU wurden Waren und Dienstleistungen (aber vor allem Energie) im Wert von rund 120Mrd. geliefert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)