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1908-mal Daumen hoch: Ein unbezahlbarer Energieschub

Facebookseite von Kurt Kuch
Facebookseite von Kurt KuchScreenshot

Die Journalisten Kurt Kuch und Alfred Strauch erzählen, warum sie ihre Krebserkrankung im Internet öffentlich gemacht haben.

„Wenn's um Spritzen geht, dann ist an mir eine achtjährige Prinzessin verloren gegangen. Zur Belohnung hol ich mir jetzt ein Eis. Drei Kugeln. Minimum.“ Mit Worten wie diesen lässt Investigativreporter Kurt Kuch derzeit Freunde und Kollegen via Facebook an seinem neuen Alltag teilhaben. Am 6.April postete er dort, dass sich der Bandscheibenvorfall, mit dem er ins Spital eingeliefert wurde, als Krebs entpuppte: „Morgen beginnt meine Chemotherapie.“ Sein Motto von Anfang an: Daumen hoch und „Fuck cancer“.

Von dem, was darauf folgte, ist Kuch immer noch überwältigt: 1908 Likes und 1304 ausnahmslos aufmunternde Kommentare erhielt sein Posting. Jede weitere Statusmeldung über Bestrahlungen, abrasierte Haare und Gewichtsverlust wird seither hundertmal geliked oder geteilt. Alle heimischen TV-Stationen produzierten in seltener Einigkeit ein Motivationsvideo, Freunde posteten aus Solidarität Fotos von sich mit Kopftuch, das Magazin „Journalist“ widmete ihm die Titelgeschichte. „All das hat mir wirklich Kraft gegeben. Von dem Video wusste ich nicht und lag gerade allein bei der Chemo. Ein solcher Energieschub ist einfach unbezahlbar“, sagt Kuch. Nachdem seine Tochter von seiner Krankheit wusste und damit umgehen konnte, „war für mich klar, dass ich kein Geheimnis aus meinem Lungenkrebs machen werde“. Als Journalist beim Magazin „News“ stehe er in der Öffentlichkeit, „ein mehrmonatiger Krankenstand hätte nur zu mehr Fragen geführt“. Via Facebook bat er Bekannte, nicht böse zu sein, wenn er nun auf Anrufe oder E-Mails nicht antworte. Nur eine einzige negative Reaktion erhielt er, „von einem Fan des früheren Finanzministers“. Er habe geschrieben, es sei schon in Ordnung, dass er verrecke. Der Rest unterstützt ihn mit erhobenen Daumen.


Sanfte Zensur. Auch der Journalist Alfred Strauch, bis 2013 Kollege von Kuch bei „News“, heute beim „Seitenblicke Magazin“, entschloss sich, seine Krankheit öffentlich zu machen. Kurz nach Ostern erhielt er bei einer Routineuntersuchung die Diagnose Hodenkrebs, ein Hoden wurde entfernt; weil der Krebs bereits ausgestrahlt hatte, musste er sich auch einer Chemotherapie unterziehen. Nach dem ersten Chemozyklus von vier gingen ihm die Haare aus – also entschloss er sich Ende Mai, seine Freunde via Facebook zu informieren. „Es war offensichtlich, dass ich krank war, da wollte ich nicht lügen.“

Ihm sei durchaus bewusst, dass es Menschen gibt, die er mit seiner Offenheit vor den Kopf stieß, „aber das schreibt dir ja niemand direkt“. Manche Menschen hätten sich seither zurückgezogen, dafür kamen andere näher. Freunde besuchten ihn zum Geburtstag im Krankenhaus mit Sushi und Torte. Facebook sei für ihn ein wichtiges Werkzeug für die Bewältigung der Krankheit – „und die NSA darf bitte gern mitlesen“. Allerdings bezeichnet Strauch seine Statusberichte als „sanft zensiert“. „Ich versuche, es fröhlich anzugehen. Es soll für die Menschen keine Belastung sein.“ Die dunkelsten Momente hätte er nie mit allen geteilt.

Steckbrief

Alfred Strauch, 41, ist Journalist in Wien. Er hat lange für „News“ geschrieben und ist seit Juni für das Event-Ressort im „Seitenblicke Magazin“ zuständig.

Kurt Kuch feiert heute, Sonntag, seinen 42. Geburtstag. Der gebürtige Oberwarter ist seit 1996 für das Magazin „News“ tätig, stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Innenpolitik. Er ist einer der bekanntesten Investigativreporter des Landes und wurde mehrfach ausgezeichnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

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