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Irakische Apokalypse: Christentum wird ausradiert

Ende einer 1800-jährigen Geschichte: Das Christentum verschwindet an den Orten seines Ursprungs. Den Westen kümmert das kaum.

Überall in Europa fanden in den vergangenen Tagen oft gewalttätige und immer antisemitische „Solidaritätskundgebungen“ für die Palästinenser statt. Am Schicksal der Menschen im Gazastreifen nehmen viele Europäer leidenschaftlichen Anteil, wobei man den Verdacht hat, dass eher der Hass gegen Israel als Sympathie für die Palästinenser die treibende Kraft ist.

Zur selben Zeit findet in derselben Weltgegend eine Tragödie von historischem Ausmaß statt, die aber weder in Europa noch in den USA – geschweige denn sonst wo auf der Welt – viele aufregt. Im Irak vollenden eben die Terrortruppen des Islamischen Staates (IS) das Werk, das ihre Genossen schon in Syrien begonnen haben: die Auslöschung des Christentums im Nahen Osten.

Christen können im arabisch-moslimisch dominierten Teil des Irak kaum mehr ein sicheres Leben führen. Auch in Bagdad, wo früher 600.000 Christen lebten, wird es bald überhaupt keine mehr geben, befürchtet der chaldäisch-katholische Bischof Paulus Zafar.

Mit der Eroberung der letzten kompakt christlichen Stadt Karakosch steht dort dasselbe bevor, das sich schon in Bagdad und Mosul ereignet hat: Zuletzt haben Mitte Juni noch etwa 250 christliche Familien in Mosul gewohnt, wo es früher einige zehntausend gab. Wahrscheinlich sind inzwischen alle geflüchtet.

Die Lage der aus Mosul vertriebenen Christen ist dramatisch. Bis zu 25.000 flohen aus der zweitgrößten irakischen Stadt, nachdem die IS sie vor die Wahl gestellt hatte, entweder zum Islam überzutreten oder einen hohen „Schutzzoll“ zu zahlen, eine als Dschizya bekannte alte Praxis des Islam gegenüber religiösen Minderheiten, vor allem gegenüber Christen. Sollten sie beides ablehnen, würden sie getötet, wurden sie gewarnt. Es werde für sie „nichts als das Schwert geben“, hieß es auf einem Flugblatt.

Häuser von Christen werden mit einem N gekennzeichnet und verfallen dem IS, wenn sie von ihren Eigentümern verlassen wurden. „Erstmals in der Geschichte des Irak gibt es in Mosul nun keine Christen mehr“, sagt Patriarch Louis Sako von der chaldäisch-katholischen Kirche. Der Patriarch spricht von einer „menschlichen und kulturellen Katastrophe“.

„Uns liegen glaubwürdige Berichte vor, dass die Terroristen der IS in Mosul Menschen zu Hunderten abschlachten und ihre Leichen auf den Straßen liegen. Die Häuser werden geplündert, Kirchen zerstört“, berichtete Matthias Vogt, Mitarbeiter der Päpstlichen Missionswerke Missio im Rundfunk Deutsche Welle. Christen sind freilich nicht die einzigen Opfer des gewalttätigen Wahns.

In den Gebieten des Kalifatsriefen die Terroristen einen 16-Punkte-Katalog aus, so auch in Mosul. Sie verkündeten das Verbot von Alkohol, Rauchen, Glücksspiel, Gesang, die Verehrung von religiösen Schreien und Heiligenverehrung sowie des schiitischen Islam überhaupt.

Die Kurdengebiete im Nordirak, die in den vergangenen zwei Jahren in Folge der Aktivität des IS und des blutigen Bürgerkriegs in Syrien bereits 275.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen haben, sehen sich nun mit einer neuen Flüchtlingswelle aus Mosul und anderen irakischen Gebieten konfrontiert und haben mittlerweile mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Familien werden in Schulen, Dorfgemeinschaftshäusern und Kirchen untergebracht.

 

Doppelte Verfolgung

Der Bonner Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher warnte in der Deutschen Welle vor drohenden Konflikten in den kurdisch kontrollierten nordirakischen Zufluchtsgebieten. Zwar seien die Kurdengebiete „ein idealer Platz für die Christen, weil es dort friedlich und wesentlich rechtsstaatlicher zugeht“. Wegen steigender Flüchtlingszahlen verschiebe sich jetzt aber das Machtgefüge in den Kurdengebieten. „Da ist die Sorge der Kurden sehr groß, dass sie eines Tages eine Minderheit im eigenen Gebiet sind.“ Es wachse die Feindseligkeit gegen die Flüchtlinge: „So erleiden die Christen eine doppelte Verfolgung.“

„Schockierend und herzzerreißend“ nennen die Führer der christlichen Kirchen in Österreich die Vorgänge im Irak. Die IS-Leute behaupten, einen Gottesstaat aufbauen zu wollen, „tatsächlich stellt ihr Denken, Reden und Handeln eine Lästerung Gottes dar“, schreiben Kardinal Schönborn, der evangelische Bischof Bünker, der orthodoxe Metropolit Kardamakis und der Vorsitzende des Ökumenischen Rats, Lothar Pöll. Für vergangenen Freitag hatten sie zu einem „Tag des Fastens und der Fürbitte“ für die Christen im Irak und Syrien aufgerufen.

 

Ohnmächtige Appelle

In einem hilflosen Appell wenden sich die Geistlichen an die Vereinigten Staaten, die EU und „andere einflussreiche Staaten“, gegen Unternehmen und Personen, die IS unterstützen, Sanktionen zu ergreifen. Dass sie nichts zu erwarten haben, können sie auch aus den Worten eines ebenfalls Ohnmächtigen, nämlich von Außenminister Sebastian Kurz erfahren, dem nichts anderes einfiel, als den Irak zu einer „Regierung der nationalen Einheit“ aufzurufen. Wenigstens machen sich die Bischöfe nicht die Illusion, es könne so etwas wie einen „Dialog“ geben, den wiederum der Papst beschwört.

 

Entsetzen und Gleichgültigkeit

Die allzeit parate Formel, man dürfe Gewalt nicht mit Gewalt beantworten, hilft den Vertriebenen und Verfolgten im Irak und in Syrien überhaupt nicht. Die UNO oder gar die Arabische Liga werden nichts tun. In der arabischen Welt herrscht Schrecken über den IS-Terror und zugleich Gleichgültigkeit – wenn nicht gar klammheimliches Einverständnis mit dem dramatischen Schicksal der arabischen Christen.

Auch von den Moslems in Europa hört man nichts. Eine einsame Stimme verdient deshalb, bemerkt zu werden: Der Wiener SPÖ-Abgeordnete Omar Al-Rawi, ein Moslem irakischer Herkunft, zeigte sich „schockiert und entsetzt“ über die Berichte aus Mosul.

Die Christen des Nahen Ostens verbindet eine ungebrochene Tradition mit der Frühzeit des Christentums. Etliche Gemeinschaften, wie die Maroniten im Libanon, die Melkiten und chaldäischen Katholiken, sind mit Rom verbunden und gehören zur Katholischen Kirche. Daneben gibt es syrisch- und armenisch-orthodoxe Kirchen und evangelische Gemeinden. Der syrisch-malabarischen und syrisch-malankarischen Kirche gehören viele der Christen in Südindien an.

 

Letzte Zuflucht: Libanon

Von besonderer Tradition ist die Apostolische Assyrische Kirche des Ostens, die im Mittelalter die größte der orientalischen Kirchen war, deren Einfluss von Mesopotamien bis Zentralasien reichte.

Der schleichende Exodus der Christen aus dem Nahen Osten hat sich zuerst durch den Krieg im Irak und dann durch den Arabischen Frühling dramatisch verstärkt. Mit dem Zerfall des Irak und Syriens verlieren die Christen auch den Schutz und die relative Toleranz, die ihnen wohlwollende Diktatoren in säkularen und multireligiösen Staaten geboten haben.

Es bleibt nur noch der latent instabile Libanon, in dem die Christen einigermaßen in Sicherheit sind.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2014)