Zum sechsten Mal startet am Mittwoch das Ultra-Rennen Race Around Austria. Mit Christoph Strasser ist der Weltbeste am Start. Der Steirer kennt all die Leiden und Qualen, die ihn erwarten.
Wien. Es ist ein trügerisches Urlaubsidyll, das am Mittwoch den Startschuss zum Race Around Austria in St. Georgen im Attergau umgibt. Es sind die Härtesten unter den Harten, die sich in den kommenden Tagen der Herausforderung dieses Ultra-Radrennens stellen. Zum sechsten Mal geht es entlang der grenznahen Straßen im Uhrzeigersinn um die Republik, nonstop sind insgesamt 2200 Kilometer gespickt mit 28.000 Höhenmetern zu absolvieren. Ein Härtetest für jeden Teilnehmer und Körper, der in maximal fünf Tagen und zwölf Stunden zu bewältigen ist.
Was für Normalsterbliche unvorstellbar ist, ist für Christoph Strasser Routine. Der Steirer gilt als bester Ultra-Radfahrer der Welt und nimmt das Rennen mit 24 anderen in der Solokategorie in Angriff. Vor zwei Monaten triumphierte der Steirer in der Königsdisziplin, beim Race Across America (RAAM), zum dritten Mal und unterbot erneut seine eigene Rekordzeit. In heimischen Gefilden will Strasser nachlegen und nach dem Ausfall 2010 (Lungenentzündung) sowie dem Staffelsieg im Vorjahr die Bestmarke von drei Tagen, 21 Stunden und sechs Minuten von Titelverteidiger Joachim Ladler knacken. „Natürlich gehe ich als Favorit ins Rennen, und mein Ziel ist es auch zu gewinnen.“ Eine neue Bestzeit könne er allerdings nicht garantieren. „Rekorde sind das Ergebnis einer perfekten Performance bei guten Bedingungen.“ Die Grenzen seines Körpers kennt der 31-Jährige in- und auswendig, die äußeren Bedingungen kann jedoch auch er nicht beeinflussen. „Schnee auf den Pässen wäre nicht so prickelnd“, meint Strasser im Hinblick auf Großglockner, Silvretta oder Fernpass.
Eine körperliche Tortur
Den Vergleich mit dem prominenten „Bruder“ in den USA brauche das heimische Rennen nicht zu scheuen, befindet der dreifache RAAM-Sieger. „Durch die Länge ist es in den USA mental härter, aber körperlich anspruchsvoller ist es in Österreich.“ Schließlich ist rund die gleiche Anzahl an Höhenmetern auf die Hälfte der Strecke komprimiert. Was Strasser in den kommenden Tagen und Nächten erwartet, ist ihm noch in bester Erinnerung: Schlafentzug, unterbrochen nur von Powernaps à 20 Minuten („solange du noch stehen kannst, brauchst du keine Pause“), 15.000 Kalorien täglich in Form von Flüssignahrung in den Geschmacksrichtungen Vanille oder Schokolade sowie Gleichgewichts- und Feinmotorikprobleme ab dem zweiten Tag.
Doch die schlimmste Phase beginnt erst, wenn die Ziellinie überquert und das Adrenalin abgeklungen ist. Jede Bewegung, jede Berührung am ganzen Körper schmerze dann, erzählt Strasser der „Presse“. Der Sport sei extrem, aber trotz allem nicht ungesund. „Kein Leistungssport ist gesund. Aber hat sich der Körper einmal regeneriert, gibt es kaum körperliche Nachwirkungen“, sagt Strasser und verweist im Gegensatz dazu auf zahlreiche Gelenksoperationen bei Skifahrern oder Fußballern. Er hingegen benötigte nur zwei Wochen Erholung und war nach einem Monat wieder voll im Training.
Rückmeldungen als Antrieb
750 Euro beträgt das Startgeld, sechs Betreuer begleiten Strasser rund um die Uhr. Eine Siegprämie erwartet ihn und die anderen Teilnehmer wie auch in Amerika keine. Die Kosten für die Rennstarts decken inzwischen Sponsoren, das tägliche Leben finanziert sich der Steirer durch Seminare und Vorträge selbst. Kein Grund zu hadern, die Freude am Sport und die Rückmeldungen der Menschen seien Antrieb genug. „So viele Leute schöpfen aus meinen Leistungen Inspiration und Motivation.“
Über 2000 Kilometer weiter östlich befindet sich Wolfgang Fasching schon im „Endspurt“. Vor 22 Tagen ist der 47-Jährige in Wladiwostok gestartet und hat bereits über 9000 Kilometer quer durch Russland absolviert. Bis Donnerstag will er die letzten Kilometer bis nach St. Petersburg und damit einen neuen Weltrekord schaffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2014)