Martin Luther Kings Ermordung machte ihn zur Pop-Ikone und inspirierte Soul- und Funk-Stars.
Die Idee einer umfassenden Befreiung von Zwängen und Hierarchien geisterte in der Popmusik zwischen dem Summer of Love von 1967 und dem Woodstock-Festival von 1969 vielgestaltig herum. Jimi Hendrix und Frank Zappa, Janis Joplin und Eric Burdon, The Doors und Bob Dylan, die Grateful Dead und die Rolling Stones schufen den Sound zur vermeintlichen Revolution.
Die einen rebellierten sanft, mit Blümchen im Haar, andere attackierten mit markigen Riffs und grimmigen Parolen. Das Verschieben von Grenzen war Pflicht. Bewusstseinserweiternde Drogen und diverse Gurus öffneten die Schleusen zum Unbewussten.
Obwohl die Hitparaden jener Zeit ein anderes Bild vermitteln, schwärmen die Achtundsechziger hartnäckig von der gesellschaftsverändernden Kraft der Stones auf „Beggars Banquet“ oder vom „White Album“ der Beatles. Anders Steve Winwood, damals Mastermind der britischen Hippie-Band Traffic. Im Gespräch mit der „Presse“ blickt er illusionslos zurück: „Meiner Ansicht nach hat die Musik die Geschehnisse großartig begleitet und kommentiert, sie aber keinesfalls ausgelöst. Sie war nur der Soundtrack der Revolution, nicht ihre Proklamation.“
Anders sieht die Sache in der afro-amerikanischen Musik aus, wo die Bürgerrechtsbewegung von Dr. Martin Luther King, aber auch die radikalen Mitstreiter Malcolm X und Huey Newton (Black Panther) Musik inspirierten, die nachhaltig gesellschaftsverändernd wirkte. In den Jahren nach Kings Ermordung am 4. April 1968 im „Lorraine Hotel“ von Memphis transportierten Soul, Jazz und Funk die politischen und gesellschaftsverändernden Messages in jeden Winkel der USA.
James Brown hörte auf, seine Haare geglättet zu tragen. Mit mächtigem Afro ausgestattet, predigt er 1968 minimalistischen Funk mit maximalen Aussagen: „Say It Loud, I'm Black And I'm Proud“. Eine Losung, die in den Ghettos bald ihre vielstimmigen Echos fand. Im selben Jahr gab sich auch ein anderer Großer des Soul optimistisch: Curtis Mayfield, Komponist von Hymnen wie „People Get Ready“ formulierte sein Credo „We're A Winner“.
„Why Am I Treated So Bad“
Die Staples Singers, eine zuvor ausschließlich Gospel singende Familiengruppe, schlossen sich der Bürgerrechtsbewegung von King an und sangen fortan Sozialkritisches. Mit „Why Am I Treated So Bad“ komponierte Pop Staples einen seiner wichtigsten Songs. Darin kommentiert er einen Vorfall in Little Rock, Arkansas, wo man schwarze Kids nicht im Schulbus mitnahm. Tochter Mavis erinnert sich: „Wir sangen es zum ersten Mal öffentlich vor einer Rede von Dr. King. Er war davon so angetan, dass er danach immer von „seinem“ Song sprach.“
Mit ihrem 1968 auf Stax veröffentlichten Album „Soul Folk In Action“, das mit „Long Walk To DC“ die inoffizielle Hymne des Civil Right Movements enthielt, wurden die Staples Singers explizit politisch. Auch „Respect Yourself“ und „I'll Take You There“ trachteten danach das Selbstbewusstsein der Afro-Amerikaner zu stärken.
Martin Luther King wusste, wie wichtig die Musik für seine Bewegung war. Sein charismatischer Redestil war zu hundert Prozent von den inbrünstigen Dramaturgien der Gospelgottesdienste inspiriert. Der Kampf um die Gleichheit aller Rassen brauchte viele Lieder im Rahmenprogramm seiner Reden. Dabei wurde auf Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“ genauso zurückgegriffen, wie auf uralte Gospelsongs und aktuelle Soulsongs wie Aretha Franklins „Respect“. Mit dem Tod von Dr. King verschärften sich zunächst die Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß. Künstler wie Archie Shepp, Gil Scott-Heron, Curtis Mayfield und The Last Poets skandierten in den frühen Siebzigern radikale Losungen.
Heute ist Martin Luther King eine Pop-Ikone, ziert T-Shirts und tönt als Sample („I have a dream!“) in zahllos Hiphop- und House-Stücken aus dem Äther.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2008)