Leichtathletik: Eine Mutter wird Europameisterin

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Joanne Pavey, 40, gewann in Zürich nur elf Monate nach der Geburt ihrer Tochter Gold über 10.000 Meter. Stabhochspringerin Kira Grünberg will im Finale hoch hinaus.

Zürich/Wien. Noch vor wenigen Monaten träumte Joanne Pavey nicht von Medaillen, sondern wünschte sich nur ruhige Nächte. Nur elf Monate nach der Geburt von Töchterchen Emily krönte sich die Britin im Zürcher Letzigrund über 10.000 Meter zur Europameisterin – zudem mit 40 Jahren und 325 Tagen als älteste Siegerin aller Zeiten. Bislang hielt diesen Rekord die Russin Irina Schabarowa, die 2006 mit 40 Jahren und 27 Tagen mit der 4x100-Meter-Staffel gewann.

Nicht nur Experten, sondern auch die Siegerin selbst hatte nach der nur fünftbesten Qualifikationszeit nicht mit diesem Triumph gerechnet. „Ich genieße es sehr, aber ich bin auch selbst sehr überrascht. Es ist irgendwie komisch, es so lange zu probieren und es mit 40 dann zu schaffen. Vielleicht hätte ich einige Dinge schon früher lernen sollen“, scherzte Pavey, deren größter Erfolg ihrer 17-jährigen Karriere bis dahin EM-Silber 2012 gewesen war. In 32:22,39 Minuten überquerte sie vor der 16 Jahre jüngeren Französin Clemence Calvin die Ziellinie, mit geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen. „Ich wusste nicht, wie nah die anderen dran waren, also habe ich einfach alles gegeben, damit ich es später nicht bereue.“

Erschöpfung und Sinnfrage

Kurz darauf wich der grimmige Gesichtsausdruck einem breiten Lächeln, als sie Tochter und Sohn Jacob, vier, auf der Laufbahn in die Arme schloss. Angesichts der rührenden Szene erhoben sich die Zuschauer im Stadion und applaudierten. „Meine Kinder dabeizuhaben hat mich sehr emotional gestimmt. Es war das erste Mal, dass mich Emily bei einem großen Wettkampf laufen gesehen hat“, sagte die Langstreckenläuferin.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass sich die zweifache Mutter die Sinnfrage der Schinderei stellte. Täglich pendelte Pavey über eine Stunde zum Training, die Resultate waren zunächst ernüchternd. „Als ich noch gestillt habe, waren meine Zeiten schrecklich“, erzählte sie. „Ich lag erschöpft auf dem Boden und fragte mich: Wie um alles in der Welt soll ich laufen?“ Die Mutterschaft habe ihr eine neue Perspektive, aber keine körperlichen Vorteile verschafft. „Viele Leute fragen mich, ob eine Geburt einen stärker macht“, erzählte Pavey, „aber ich denke, die Nachteile überwiegen.“ Hinzu kamen Zweifel ob ihres Alters. Doch das Profidasein mit zwei Kindern habe ihr zu mehr Ausdauer verholfen. „Also habe ich einfach nicht lockergelassen.“

Den ersten Lohn für all die Anstrengungen erntete die 40-Jährige dann vor zehn Tagen, als sie bei den Commonwealth Games über 5000 Meter Bronze holte. Über diese Distanz hat Pavey am Samstag in Zürich noch die Gelegenheit, ihren sensationellen Auftritt bei dieser EM mit einer weiteren Medaille zu krönen.

Grünberg hat Rio im Blick

Im rot-weiß-roten Lager feierte Kira Grünberg am Mittwoch ihren erst 21. Geburtstag. Die junge Stabhochspringern aus Tirol hatte sich am Montag bereits selbst vorzeitig beschenkt und war mit dem neuen ÖLV-Rekord von 4,45 Metern ins Finale der besten 13 eingezogen. In diesem peilt sie heute (19.19 Uhr, live ORF Sport +) eine neue Bestleistung an. „4,50 wären super. Nächstes Jahr möchte ich auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro noch einmal zehn Zentimeter mehr schaffen“, meinte die Innsbruckerin.

Derzeit wird Grünberg von ihrem Vater Frithjof trainiert. Zusätzliche Einheiten beim ehemaligen deutschen Bundestrainer Herbert Czingon, der nun für den Schweizer Verband arbeitet, scheitern an den knappen finanziellen Ressourcen. „Viermal war ich in diesem Jahr bei ihm. Ich würde gern öfter hinfahren, aber das Geld reicht nicht“, erklärt die Heeressportlerin und Pharmaziestudentin. Ziel ist daher die Aufnahme in das Förderprojekt „Rio 2016“. In Zürich hat Grünberg die beste Chance, Eigenwerbung zu betreiben.

Elf Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes krönte sich Joanne Paveyzur ältesten Leichtathletik-Europameisterin der Geschichte. Die Britin war exakt 40 Jahre und 325 Tage alt, als sie im Letzigrund-Stadion von Zürich in 32:22,39 Minuten das Rennen über 10.000 Meter gewann.

Kira Grünberg, 21, startet Donnerstagabend (19.19 Uhr, SRF2, Sport +) im Stabhochsprungfinale.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2014)

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