Wiener Musikleben: Vom irdischen Leben und himmlischen Längen

(c) EPA (Juan Carlos Cardenas)
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Was wir von Fabio Luisi und Lorin Maazel in den kommenden Tagen noch erwarten dürfen.

Eine der schönsten Brahms-Aufführungen meines Lebens bescherten mir die Wiener Philharmoniker am Fronleichnams-Vormittag im Musikverein. Lorin Maazel dirigierte die Zweite Symphonie in natürlich fließenden Tempi, gab den Musikern Zeit, ihre Klangsinnlichkeit in allen Momenten auszuleben, ohne dass der formale Ablauf des Werks jemals ins Stocken gekommen wäre: Wie man Lautstärke durch Intensität ersetzt, aufgesetzte Beschleunigungen und Verzögerungen durch wohlüberlegte Dramaturgie, das demonstriert Maazel dank jahrzehntelanger Erfahrung ohne viel Aufhebens zu machen. Selbst außerordentliche Augenblicke wie das berühmte Hornsolo und die folgende Coda am Ende des Stirnsatzes – aber auch zuvor schon der heikel auszubalancierende Eintritt der Reprise – entfalten sich wie gott- oder zumindest brahmsgegebene Naturereignisse.

Dergleichen lässt vergessen, dass dem Ereignis einer solchen völlig frisch und anregend wirkenden Begegnung mit einer vielgespielten die Aufführung einer, pardon, überflüssigen Symphonie jüngerer Provenienz vorausging: Krzysztof Penderecki hat in seiner halbstündigen Vierten langatmige Adagio-Kantilenen mit bizarren Scherzo-Effekten vermischt und lässt deren zentrale „Durchführung“ in endlos wirkende Strecken psalmodierender Solo-Stimmen münden – mangels plastischer Themen eine Studie, als hätte man einem Kompositionsschüler das Thema aufgegeben: Wie hätte das geklungen, wenn Josef Stalin Schostakowitsch mehr Dissonanzen erlaubt hätte . . .?

Unzeitgemäße Betrachtungen

Unzeitgemäß nannte man einstens auch Franz Schmidt. Doch als die Wiener Symphoniker unter Fabio Luisis jüngst dessen Zweite Symphonie darboten, lernte man, dass es in Zeiten der radikalen Moderne noch Komponisten gab, die das Erfinden bildmächtiger musikalischer Gestalten, die große Formen mühelos zu tragen helfen, nicht verlernt hatten. Nun setzte man mit dem Pianisten Carlo Grante Schmidts Klavierkonzert nach – ebenfalls im Konzerthaus und mit stupendem Erfolg. Grante bewältigt den höllisch schweren, für den einarmigen Auftraggeber Paul Wittgenstein geschriebenen Solopart mit differenziertester Anschlagkultur. Wie er – tatsächlich „mit Links“ – kontrapunktische Stimmenverläufe deutlich macht und der melodischen Führungslinie jeweils noch Leuchtkraft und Eleganz verleiht, wie er die Schlusskadenz aus zartester Tongebung nahtlos ins krönende Orchesterfortissimo führt, das prädestiniert ihn für die Einladung zu einem Soloabend, bei dem er demnächst hoffentlich auch seine Rechte in Wien einsetzen darf.

Die Symphoniker musizierten mit Energie und auch im hurtig dahineilenden Jagd-Finale subtil bis in heikelste Soli (Trompete!). Orchestraler Totaleinsatz kam zuletzt auch Schuberts großer C-Dur-Symphonie zugute, wo Luisi mit Verve die viel zitierten „himmlischen Längen“ samt allen Wiederholungen zu organisieren trachtete. Manches, etwa die starke Zurücknahme des Tempos nach der Katastrophe im Andante klang dabei freilich noch mehr „gemacht“ als gewachsen. Doch ist, um Schumann zu ziteren, gerade bei dieser Symphonie „des Lernens kein Ende“.

Maazel und die Philharmoniker noch Samstag (15.30), Sonntag (11) im Musikverein, sowie mit Reznicek, Dohnányi und Brahms II am Montag im Konzerthaus und am 29. Mai im Musikverein (jeweils 19.30).

Fabio Luisi dirigiert am 26.&28. Mai Beethovens „Missa solemnis“ im Musikverein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2008)

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