Ein öder „Hiob“ bei den Wiener Festwochen – Bauernschwank und Besinnungsaufsatz in einem.
Für seinen 1930 veröffentlichten, seltsamen Roman „Hiob“ griff Joseph Roth tief in den Schmalztopf. Das passt zum elegischen Ton des melodischen Textes. Mendel Singer, ein russischer Jude, wird von Gott geprüft. Er verliert zwei Söhne im Ersten Weltkrieg, seine Frau stirbt, die mannstolle Tochter ist reif fürs Irrenhaus – in Amerika, denn dorthin ist die Familie ausgewandert. Zu viel für 132 Seiten? Im Gegenteil: Die Entwurzelung des Judentums, die russische Muttererde und eine kräftige Prise Kritik an den USA sind zusätzliche Themen – gängig damals, denn das Lob der Scholle und die Verteufelung des Kapitals sangen nicht nur Hitler und Heidegger, in ganz Europa war es en vogue.
Bei Roth geht die Parabel von Hiob glimpflich aus: Sein tot geglaubter, epileptischer Jüngster, den die Familie in Russland zurückgelassen hat, sucht den gebrochenen Vater auf, der Gott flucht. Menuchim aber, der Zurückgebliebene, der von seiner Familie verraten wurde, ist inzwischen geheilt, ein berühmter Musiker.
Die Inszenierung von Johan Simons, der eine niederländische Textfassung von Koen Tachelet (deutsch: Rosemarie Still) dramatisiert hat, endet auch schaumgebremst „happy“, doch was von den Münchner Kammerspielen am Dienstag bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien geboten wurde, geht nicht glücklich aus. Man wird mit einem Schwank aus der deutschen Provinz bestraft. Simons „Hiob“ illustriert, wie heikel es ist, Romane brav auf die Bühne zu stellen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Perspektive man diesem Unternehmen gibt und was man weglässt.
Jahrmarkt großer Worte
Simons pflegt das Pathos der Dreißigerjahre; auf der Bühne (Bert Neumann) steht ein rundes, drehbares Jahrmarktszelt, das verhüllt und enthüllt und grell beleuchtet ist, ein Schtetl namens Zuchnow wie auch New York repräsentiert. Oben prangen die Worte „Birth“, „Love“ und „Death“. Das Schicksalsrad kreist – ein Jahrmarkt großer Worte, viel mehr aber nicht. Zugleich müssen die Darsteller über ihre Rollen referieren, dadurch entsteht die Atmosphäre eines besinnlichen Vortragsabends. So kehrt bald Fadesse ein bei diesem geplagten „Hiob“.
Einzelne starke Leistungen der Schauspieler können die gut zweistündige Aufführung nicht retten. Berührend spielt Sylvana Krappatsch den Menuchim, im Dialog mit ihr ist André Jung ein starker Mendel Singer, auch das Hadern mit Gott gerät ihm passabel, aber einige Hoppalas im Text und das ungeschickte Referieren mindern seinen Auftritt. Hildegard Schmahl als seine Frau Deborah nuanciert die Rolle einer permanent frustrierten Frau. Am besten gelingt ihr das in einer Szene mit Wiebke Puls, die als Tochter Mirjam zum Mutterschoß flüchtet. Das Frauenschicksal rührt. Puls muss ansonsten aber ein dauergeiles Wesen spielen, sie verbraucht sich dabei rasch.
Total verbockt sind die Auftritte von Edmund Telgenkämper und Steven Scharf. Die mimen nicht nur die älteren Söhne Schemarjah und Jonas, sondern auch Nebenrollen wie Händler, Kosaken und Amerikaner, alle mit kindischen Faxen, lauter Karikaturen wie auf bayerischen Bauernbühnen. Walter Hess als Doktor und Bibelschreiber fällt nicht weiter auf, und das ist wahrscheinlich gut so. Wäre auch er von Simons genötigt worden, händeringend und klagend über die Bühne zu stürzen, dann wäre das Fiasko perfekt gewesen. Langeweile und Übertreibung in einem sieht man selten.
Ein Abend zum Abgewöhnen also, der erneut fragen lässt, was für eine seltsame Einkaufspolitik die Wiener Festwochen in diesem Jahr haben. Wird überhaupt mit Plan programmiert? Oder dreht sich dieses Rad so zufällig wie die Jahrmarktsbude des „Hiob“? Ach ja: Musik (Paul Koek) und Licht (Max Keller) waren als Ablenkung recht nett.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2008)