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High-Tech-Nation: Die andere Seite Israels

Founder of the ZhenFund seed fund Xu listens to Israeli high-tech firm ironSource's CEO Bar Zeev during a presentation in Tel Aviv
Bar Zeev, der CEO der israelischen hightech Firma ironSource in einem KundengesprächREUTERS
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Beim Thema Israel denken Menschen in der Regel nur an den Nahost-Konflikt und heilige Stätten. Das Land ist aber auch eine wirtschaftlich äußerst erfolgreiche Hightech-Nation.

Im zweiten Anlauf hat es mit der Waffenruhe im Nahen Osten doch geklappt. Seit Anfang der Woche werden vom Gazastreifen keine Raketen mehr nach Israel abgefeuert und die israelische Armee verzichtet daher auch auf Vergeltungsschläge. Die Bilanz des vierwöchigen Krieges ist dennoch verheerend: 1910 Palästinenser und 67 Israelis verloren dabei ihr Leben. Im Gazastreifen wurden hunderte Häuser zerstört, weil die Hamas in der Nähe ihre Raketenabschussrampen aufgestellt hatte.

Doch neben dem menschlichen Leid hatte der Konflikt auch wirtschaftliche Auswirkungen – auf die darniederliegende Wirtschaft Gazas natürlich, aber auch auf die Industrienation Israel. Über zehn Milliarden Schekel (2,2 Milliarden Euro) sollen die Auswirkungen des Konflikts die israelische Volkswirtschaft laut Schätzungen des Finanzausschusses im Jerusalemer Parlament direkt kosten. Laut Zentralbank wird durch die Kämpfe heuer auch ein halber Prozentpunkt Wachstum verloren gehen. Vor allem der Tourismus ist in der wichtigen Sommersaison vollständig zum Erliegen gekommen.

Dennoch dürfte Israels Wirtschaft mit rund 2,5 Prozent immer noch stärker wachsen als Europas Konjunkturlokomotive Deutschland – von den meisten anderen Ländern der Europäischen Union ganz zu schweigen. Israel hat es in den vergangenen 20 Jahren nämlich geschafft, sich trotz fehlender Ressourcen und fast vollständiger Isolation in der Region zu einem modernen Hightech-Standort mit realen Wachstumsraten von zuletzt konstant über drei Prozent zu wandeln. Eine Wandlung, die von Analysten gern als „Wunder im Heiligen Land“ bezeichnet wird.


Bevölkerungswachstum. „Israel hat von Anfang an auf das Humankapital gesetzt“, sagt Günther Schabhüttl, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Tel Aviv. Und dieses Humankapital legt seit Jahren auch konstant zu. So betrug die Bevölkerungszahl im Jahr 1990 gerade einmal 4,8 Millionen Einwohner. Heute sind es bereits acht Millionen und bis 2035 soll es 11,4 Millionen Israelis geben. Dieses Wachstum basiert zum Teil auf der hohen Geburtenrate – für eine Familie gilt es als Norm, zumindest drei Kinder zu haben. Profitiert hat Israel aber auch durch mehrere Einwanderungswellen in den 1990er-Jahren, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion. Damals kamen viele naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen ins Land. „Und die Politik hat auch schnell das Potenzial erkannt, das in den Einwanderern steckt“, sagt Schabhüttl.

So wurde beispielsweise bereits Ende der 1980er-Jahre ein Programm aufgelegt, durch das Jungunternehmen bei Finanzierung und Know-how koordiniert unter die Arme gegriffen wird. Ein Modell, das nun – mehr als 20 Jahre später – in Ländern wie Österreich erst öffentlich diskutiert wird. „Damals war der Umsatz mit Orangen und mit Hightech gleich hoch. Heute beträgt Letzterer das 20-Fache“, so Schabhüttl.

Für Israel hat sich dieses Schneller-als-andere-Sein bereits mehr als ausgezahlt. Über 200 israelische Unternehmen sind an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq notiert, dies sind mehr als aus Europa, Japan, China und Indien zusammen. Im Silicon Wadi bei Tel Aviv reihen sich aber nicht nur junge einheimische Start-ups aneinander, sondern auch Forschungszentren von internationalen Konzernen wie Intel, Google, Microsoft, eBay oder IBM. „Fast 300 der Fortune-500-Unternehmen haben Entwicklungszentren in Israel“, sagt Schabhüttl. Mit gutem Grund: Gibt Israel mit 4,4 Prozent des BIPs auch mehr für Forschung aus als jedes andere Land der Welt.

In den Entwicklungszentren des Silicon Wadi wurden bereits Produkte wie der USB-Stick, die Voice-over-IP-Telefonie (Skype) oder der 3-D-Drucker entwickelt. Und bei der Zahl der Patente pro Kopf liegt Israel hinter Japan und noch vor den USA an der zweiten Stelle weltweit. Durch den Erfolg hat sich auch der Zugang der Menschen zum Thema Wirtschaft verändert, meint Schabhüttl: „Früher wollten die Mütter in Israel, dass ihre Kinder Ärzte oder Anwälte werden. Heute wollen sie, dass die Kinder Start-up-Unternehmer werden.“

Ein Grund für den internationalen Erfolg israelischer Firmen und Entwicklungen liegt dabei in einem vordergründigen Handicap: Außer mit Ägypten und Jordanien gibt es mit keinem anderen arabischen Land in der Region wirtschaftliche Beziehungen. Da der Binnenmarkt sehr klein ist, mussten sich israelische Firmen daher sofort auf große, weiter entfernte Märkte trauen. In der Regel ging der erste Exportschritt nach Europa oder Nordamerika und der zweite bereits in ferne Regionen wie Ostasien.


Reicher als Italien. Unter dem Strich brachte das den Israelis einen kräftigen Anstieg des Lebensstandards. So liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf inzwischen bei 24.550 Euro – und damit über jenem Italiens. Und nicht nur in den vergangenen Jahren konnte Israel, das flächenmäßig nur geringfügig größer als Niederösterreich ist, kräftig wachsen. Selbst 2009, im Jahr der globalen Krise, legte das BIP um 0,9 Prozent zu. Ein Kunststück, das in Europa nur Polen gelang, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft jüngst zeigte.

Doch wie überall gibt es auch Schatten, wo Licht ist. So leidet die israelische Gesellschaft nicht nur an dem ungelösten Konflikt mit den Palästinensern, auch interne Spannungen verschärfen sich zunehmend. So gehört ein Zehntel der Bevölkerung zu den ultraorthodoxen Haredim. Diese sind nicht nur vom dreijährigen Militärdienst freigestellt, sie widmen sich auch ihr ganzes Leben dem Bibelstudium und werden daher vom Staat erhalten. Und da Haredim in der Regel noch mehr Kinder als der Durchschnitt bekommen, wächst diese Bevölkerungsgruppe auch zunehmend. Auf der anderen Seite des religiösen Spektrums stehen die israelischen Araber, die ein Fünftel der Bevölkerung stellen. Hier sind es die Frauen, die kaum in die Arbeitswelt integriert sind, weshalb auch die arabisch-israelischen Familien stark von staatlichen Subventionen abhängen.

Der Mittelstand wird daher immer stärker mit Steuern belastet, leidet aber auch unter steigenden Lebenshaltungs- und Wohnungskosten. Dies einerseits wegen der wachsenden Bevölkerung, andererseits aber auch, weil Firmen die isolierte Lage und den damit ausbleibenden Wettbewerb ausnutzen. So kostet israelischer Käse im Land zum Teil um ein Drittel mehr als derselbe Käse in den USA. 2011 gingen daher hunderttausende Israelis auf die Straße, um für billigere Mieten und geringere Preissteigerungen im täglichen Leben zu demonstrieren.

Und dann gibt es natürlich noch den Nahost-Konflikt, der jederzeit eskalieren kann. „Mehrmals pro Tag läuteten die Sirenen. Dann hat man 90 Sekunden Zeit, um in die Luftschutzbunker zu laufen, wo man dann in der Regel für zehn Minuten bleibt“, beschreibt Schabhüttl das tägliche Leben in Israel während des vierwöchigen Waffengangs. Die Wirtschaft und das Leben wären zwar großteils weitergelaufen, die Israelis hätten ihre Gewohnheiten aber schon geändert. „Die Menschen fuhren nicht mehr in Einkaufszentren, sondern kaufen wieder bei den Nahversorgern ums Eck, um nicht zu lange draußen sein zu müssen.“

Wirtschaft könnte aber auch ein Teil zur Lösung dieses Konflikts sein – zumindest, wenn es nach rund 300 israelischen und palästinensischen Unternehmern geht, die gemeinsam die Initiative „Raus aus der Sackgasse“ gegründet haben. Sie wollen die wirtschaftliche Zusammenarbeit verbessern und so den Lebensstandard auf beiden Seiten der Grenze steigern. Gehe es den Menschen wirtschaftlich besser, wären sie nicht so anfällig für radikale Ideen, so der Gedanke dahinter. Gelänge dies, wäre das wohl das echte „Wunder im Heiligen Land“.

Zahlen

4,4

Prozent des BIPs gibt Israel für Forschung aus. Mehr als alle anderen Länder dieser Erde.

8

Millionen Israelis gibt es. 1990 waren es gerade einmal 4,8 Millionen, 2035 sollen es bereits 11,4 Millionen sein. Das Bevölkerungswachstum ist ein Grund für den wirtschaftlichen Erfolg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2014)