Impulskäufe

Zugegeben, ich habe den Roman "The Circle" bei Amazon gekauft. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil nun hunderte Autoren gegen den Versand-Riesen protestieren?

Manchmal mache ich in unserer schönen neuen Welt Impulskäufe. Da surfe ich zum Beispiel virtuell im Netz und stoße darauf, dass Dave Eggers neuer Roman von einer schicken Firma in Kalifornien handelt, die nicht nur im Internet, sondern in der Realität gigantischer Gewinne nach Dominanz strebt. „The Circle“ handelt von einem Unternehmen, das Ähnlichkeiten mit Google, Facebook, Amazon, Apple oder dem guten alten Microsoft hat. Mae, die Protagonistin, wird von dieser Welt der Wünsche förmlich aufgesogen, Arbeit und Leben werden eins. Früher hätten deutsche Philosophen dafür vielleicht den Begriff der Entfremdung verwendet. Für diesen unheimlichen Zirkel oder Kreis aber wird diese Arbeitskraft lediglich optimiert. Die Strategen der Firma haben einen Traum: Das Individuum unterwirft sich ihren Spielregeln total. Alles unter Kontrolle, kollektiv verordnetes Glück.

Wie komme ich an den Roman? Für den Bucherwerb gibt es diverse Methoden: Das Manuskript stehlen, abschreiben, raubkopieren, das Buch von Freunden ausborgen, sich in der Bibliothek auf die Warteliste setzen lassen, das Hardcover direkt in den USA bestellen oder die Buchhändlerin des Vertrauens damit beauftragen, auf das Paperback warten, auf die Übersetzung (gebunden oder später als Taschenbuch). Ich habe mich für die bequemste Variante entschieden: für ein E-Book, wenn ich mich recht erinnere, um rund fünf Euro. Der Preis für den brandneuen Bestseller war so niedrig, dass er nicht zum Nachdenken zwang. Ist das schäbig?


Protestbriefe. Tapfere Schriftsteller legen sich derzeit mit Amazon an. Vergangenen Sonntag wurde Firmengründer Jeff P. Bezos von 909 US-Autoren in einem harschen Offenen Brief aufgefordert, er solle es unterlassen, Verlage unter Druck zu setzen, indem er deren Bücher, ergo ihre Verfasser, benachteilige. Amazon wird nun auch in Europa attackiert (siehe „Die Presse“ vom Samstag). Deutschsprachige Dichter springen auf diesen Protestzug auf. Inzwischen sind es über 500, die die Geschäftsmethoden des Versandhauses kritisieren. Dieser zweite Brief soll demnächst veröffentlicht werden. Die Buchhändler haben längst auch schwere Geschütze gegen den unter irrem Rendite-Zwang stehenden Branchenriesen aufgefahren. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte bereits im Juni beim Bundeskartellamt Beschwerde eingelegt, wegen „erpresserischen Vorgehens gegenüber Verlagen“.

Das klingt nach einem Kampf der Kulturen. Wie hart der sein kann, schildert das Buch „The Circle“. Eine Ahnung davon erhält man real in der Preisgestaltung: gebunden auf Deutsch 23,70, auf Englisch 16,90, als Taschenbuch 6,99 Euro. Noch billiger? Endstation E-Book. Ganz pauschal. Den Autoren, die in diesem Teufelskreis das Wesentliche liefern, bleibt da außer Protest wohl wenig übrig.

norbert.mayer@diepresse.com

diepresse.com/mediator

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2014)

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