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Attacke auf die Stellung der Frau – kein Thema für Feministinnen

Statt durch Gender-Ideologie zu verwirren, sollten sich die Frauenrechtlerinnen endlich mit der zunehmenden Bedrohung der Rechte von Frauen beschäftigen.

In immer mehr Ländern macht sich eine antimoderne Gesellschaftspolitik breit. In der Türkei hat eine Partei das Sagen, deren führende Repräsentanten ein anti-westliches Frauenbild propagieren. Nicht nur das Tragen des Kopftuches wird forciert, das ist als Ausdruck einer religiösen Einstellung zu respektieren, falls es freiwillig geschieht. Der Freiraum und die Rechte der Frauen werden aber immer weiter eingeschränkt, mittlerweile wird sogar das öffentliche Lachen als anstößig empfunden. Nun, so könnte man einwenden, das ist Sache der Türkei und geht uns gar nichts an.

Dem ist keineswegs so. Dieses Frauenbild, das eine radikale Abkehr von der Moderne bedeutet, schwappt sehr wohl auch nach Europa. Viele junge Männer, deren Familien seit Generationen in Österreich leben, holen sich ihre Ehefrauen aus diesen Ländern, weil sie eben nicht westlich geprägt sind. Nun, auch das ist ihre Sache. Doch dieses Aufeinanderprallen von zwei völlig unterschiedlichen Frauenbildern führt unweigerlich zu massiven Problemen im Alltagsleben.

Nehmen wir einmal das Krankenhaus, zum Beispiel das Wiener AKH, wo alle möglichen Kulturen, Schichten und Menschen aufeinandertreffen. Da gibt es etwa die Patientin, die seit 30 Jahren in Österreich lebt, kein Wort Deutsch spricht und vehement einen Dolmetscher verlangt; oder den Patienten, der die Anweisungen der Krankenschwester nicht befolgt, die ja schließlich nur eine Frau ist, und der hinter jeder Zurechtweisung „Rassismus“ wittert; oder die Kopftuch tragende junge Ärztin, die massiven Anfeindungen von „österreichischen“ Patienten ausgesetzt ist.

Die Reibungsflächen in diesem Mikrokosmos sind vielfältig. Mit gutgemeinter „politischer Korrektheit“ kommt man im Alltag eines Krankenhauses nicht weit, sondern landet im Chaos. So kann es gefährlich sein, wenn sich Patientinnen nicht in der Landessprache artikulieren können und sich weigern, sich von einem männlichen Arzt behandelt zu lassen. Damit wird ein privates zu einem gesundheitspolitischen Thema. Ein anderer Schauplatz des Aufeinanderprallens der Kulturen ist die Schule.

Hier haben Lehrerinnen mit Buben zu tun, denen zu Hause eingelernt wurde, dass sie einer Frau nicht gehorchen müssen. Da antwortet dann der Achtjährige seiner Volksschullehrerin, die ihn zur Aufmerksamkeit mahnt: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nur eine Frau!“ Die Eltern zu zitieren ist sinnlos, weil sie diese Einstellung ja teilen.

Jahrzehntelang wurde dieses Problem, das vor allem in Wien existiert, konsequent von der Schulbehörde ignoriert. Das führte dazu, dass der Teufelskreis einer schlechten Schulbildung mit darauf folgender Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt unterstützt wurde. Und es bringt junge Männer hervor, die in unserer Gesellschaft keine Chance auf Aufstieg und Anerkennung haben.

Viele reagieren mit extremem Machogehabe und Aggression. Ein Musterexemplar dieser Spezies konnten die Fernsehzuschauer kürzlich bei einer politischen TV-Diskussion zum Nahost-Konflikt beobachten.

Es ist diesen jungen Männern und Frauen nicht geholfen, wenn wir aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen einfach wegsehen. Es wird die Probleme nicht lösen, wenn sich Feministinnen weiter mit dem Binnen-I und Gender-Ideologie beschäftigen, statt sich mit der Bedrohung der fundamentalen Rechte und Stellung der Frau etwa durch die Islamisten auseinanderzusetzen.

Statt Verwirrung im Hinblick auf die Geschlechterrollen zu stiften, wäre es höchste Zeit, sich mit der Unterdrückung von Frauen und der Missachtung ihrer Würde im eigenen Land zu beschäftigen. Statt Eltern in Schulbroschüren das „Gendern“ zu verordnen, sollte man auf das Einhalten grundlegender gesellschaftlicher Spielregeln pochen. Wir haben es mit einer massiven Attacke auf die (mühsam errungene) Gleichberechtigung zu tun. Doch wo sind die Frauenrechtlerinnen?

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2014)