#Ferguson: Wie Twitter die Blicke der Welt auf Missouri zog

(c) APA/EPA/ED ZURGA (ED ZURGA)
  • Drucken

„Black Twitter“ und der rüde Umgang der Polizei mit Journalisten erzeugen globales Interesse.

Washington. Vier Tage lang war es auf Twitter, dem rasanten Kurznachrichtendienst, in Sachen Ferguson und Michael Brown ziemlich ruhig. Der Tod des 18-jährigen schwarzen Jugendlichen durch sechs Schüsse eines weißen Polizisten in der Kleinstadt in Missouri erreichte nicht jenes Maß an digitaler Aufmerksamkeit, die immer öfter darüber entscheidet, was auf das Titelblatt einer Zeitung kommt oder zur Hauptmeldung in den Abendnachrichten wird.

Am Mittwochabend änderte sich das blitzartig. Wesley Lowery von der „Washington Post“ und Ryan Reilly von der „Huffington Post“ teilten per Twitter mit, dass sie während ihrer Arbeit als Reporter in Ferguson festgenommen worden seien. Das hätten die amtshandelnden Polizisten besser nicht tun sollen. Binnen Minuten kochte das Thema über. #Ferguson (mit der Raute markiert man Begriffe, um sie auf Twitter zu öffentlichen Schlagworten zu machen) schoss in der Rangliste der am häufigsten verbreiteten Themen empor. Ferguson, der Tod von Michael Brown, die Proteste der Einwohner und die ebenso harschen wie untauglichen Versuche der Polizeibehörden, die Unruhen zu beenden, waren plötzlich ein Thema von nationalem Interesse.

Die Kavallerie von CNN reitet ein

Rasch waren die Ereignisse auch von weltweitem Interesse. Denn die wachsende Prominenz des Themas auf Twitter blieb der Redaktion des Fernsehsenders CNN nicht verborgen. Gegen 20 Uhr am Mittwoch sah man auf CNN noch einen Nachruf auf die Hollywood-Schauspielerin Lauren Bacall sowie Berichte aus dem Irak. Zwei Stunden später hatte sich der Sender in die aktuelle Nachrichtenlage eingeklinkt; seither berichtet der unter rasantem Zuseherschwund leidende Kanal mit einer Verbissenheit aus Ferguson, die teilweise ins Verzweifelte kippt.
In der Nacht auf Montag zum Beispiel, als es knapp vor Beginn des nächtlichen Ausgangsverbotes zu Schießereien und Brandanschlägen kam, versuchte man vom Studio aus, mehrfach ergebnislos, den ermüdeten Reporter vor Ort zu neuen bahnbrechenden Ankündigungen zu animieren. Doch da gab es nichts Bahnbrechendes mehr zu berichten: Die Polizei hatte den Ort großräumig abgesperrt. Journalisten hatten keinen Zutritt. Außer einem hilflosen Reporter vor einem Hintergrund der Blaulichter zahlloser Einsatzfahrzeuge gab es nichts zu sehen.

Twitter ist für Journalisten ebenso hilfreich wie gefährlich. Der ständige Strom an Meldungen erzeugt allzu leicht die Illusion, „echte“ Berichte hautnah vom Ort des Geschehens zu erhalten. Der Fall Ferguson – mit seinem Gerüchten von Massenverhaftungen, neuen Todesopfern und Polizeischarfschützen, die auf Demonstranten zielen – ruft die Notwendigkeit nüchterner Verifizierung von Behauptungen in Erinnerung.

Digitale Stimme für die Schwarzen

In einer Hinsicht legen die Geschehnisse von Ferguson – sowohl im realen Leben als auch in der digitalen Echokammer von Twitter – eine bemerkenswerte Entwicklung offen. „Black Twitter“, die starke Anteilnahme von Afroamerikanern an der öffentlichen Debatte über Belange, die für sie besonders wichtig sind, hat erstmals die breitere Aufmerksamkeit der Massenmedien erreicht. Die Schlagworte #Dontshoot („Nicht schießen“) und #IfTheyGunnedMeDown („Wenn sie mich erschießen würden“) machen die Gewalt und rassistischen Vorurteile, unter denen vor allem junge schwarze Männer in den USA oft leiden, schlagartig anschaulich. Unter #IfTheyGunnedMeDown findet man jeweils zwei Fotos junger Schwarzer, die sie zuerst in einer Pose und Bekleidung zeigen, die oft stereotypisch mit Bandenkriminalität verbunden wird, und dann in einer Aufmachung, die dieses Bild bricht: als Lehrer, Pfadfinder, im Kirchenchor – oder, besonders wirksam, als Soldat in Uniform, der kleinen Kindern aus einem Buch vorliest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

epaselect USA NEW YORK BROWN SHOOTING PROTEST
Weltjournal

USA: Obama, Ferguson und die Folgen

Die Debatte über Polizeigewalt verlagert sich zur Frage, wie sich Polizeirassismus eindämmen lässt. Dafür gibt es Vorbilder, an denen sich die Bundesregierung nun orientiert.
Weltjournal

Ferguson: Eltern finden Polizisten-Äußerung "respektlos"

Die Eltern des erschossenen Jugendlichen reagieren geschockt auf das Fernsehinterview des US-Polizisten. Es würde "alles nur noch schlimmer machen".
Demonstranten setzen ein Polizeiauto in Brand.
Weltjournal

Ferguson-Todesschütze: "Habe Job richtig gemacht"

US-Präsident Obama verurteilt die Ausschreitungen in der US-Kleinstadt Ferguson. Der Polizist Darren Wilson, der den schwarzen Jugendlichen Michael Brown erschossen hat, behauptet, "ein reines Gewissen" zu haben.
during a demonstration in Oakland, California following the grand jury decision in the shooting of Michael Brown in Ferguson, Missouri
Außenpolitik

USA: Der Zorn des schwarzen Amerika

Die Ausschreitungen in der Kleinstadt Ferguson verdeutlichen die tiefe Kluft zwischen Amerikas schwarzer Jugend und den Polizeibehörden – aber auch die fatale politische Apathie vieler Afroamerikaner.
Leitartikel

Eine Gesellschaft, in der sich ein Teil ausgesperrt fühlt, hat ein Problem

Dass mit Obama erstmals ein Schwarzer Präsident wurde, war ein Meilenstein im Kampf für Gleichberechtigung. Doch es gilt, noch viele Probleme zu lösen.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.