Zweiter Bezirk. Neue U-Bahn, neue Bauten, alter Charme. Wird der Zweite jetzt auch ganz offiziell schick?
Karmelitermarkt: Ein Markt wie ein teures Lebensgefühl
Keine andere Institution steht so klar für junges Städterleben in Wien. Was früher der Naschmarkt war – nämlich Nahversorger mit hohem Potenzial zur Identifikation – ist heute der Karmelitermarkt. Oder vielleicht schon wieder nicht mehr? Haben junge Aufsteiger und – seltener – Jungfamilien mit Kapital, die so ungerne Bobos genannt werden, das Viertel um den Karmelitermarkt, den authentisch ur-wienerischen, osteuropäischen und teils jüdisch-leopoldstädtischen Charme schon nachhaltig beschädigt? Das Viertel, in dem der samstägliche Vormittags-Besuch eines der Lokale – idealerweise im georgischen Madiani – schon Pflicht ist, zum Tourismusziel und Werbespot-Setting gemacht? Eben zum zweiten Naschmarkt?
„Nein“, sagt Andrea Danmayr, deren Geschichte allerdings den breiten typischen städtischen Erfolg des Karmelitermarkt widerspiegelt. Die ehemalige Pressesprecherin der Grünen hat sich am Platz den Traum vom eigenen Lokal erfüllt, führt einen Delikatessen-Laden mit breitem Wein-Sortiment unter ihrem Namen. „Das Leben ist hier noch immer sehr offen. Das Publikum könnte unterschiedlicher nicht sein.“ Ob das nicht eben auch am Naschmarkt so sei? „Das schon, aber hier ist mehr Platz, es ist nicht so eng“, sagt Danmayr. Hier ist noch nicht alles so glatt und gestylt. Allerdings: Auch sie wohnt nicht hier, sondern ein paar Blocks entfernt. Dort, wo es noch finanzierbare Wohnungen gibt, sagt sie.
Denn die Immobilienpreise am und in den Gassen um den Markt sind in den vergangenen Jahren fast explodiert, berichten alle, die hier suchen. Das stimmt zwar, räumt Makler Horst Schwarzenberg (Colliers Immobilien) ein, aber von einem vergleichsweise niedrigen Niveau: Der zweite Bezirk war mit allen einzelnen Vierteln immer der Nachzügler. Karmelitermarkt und die Gassen nahe dem ersten Bezirk seien am stärksten nachgezogen, sagt der Immobilien-Kenner. Das sei überraschend spät passiert – Versuche der Wiederbelebung Mitte der 90er Jahre seien noch erfolglos geblieben. Heute braucht die Gegend, deren jüdischer Charakter durch die neuen Mieter und Investoren nicht mehr so leicht zu erkennen ist, fast schon wieder Ruhe, meinen Anrainer wie Markus Huber, Journalist und Herausgeber des Magazins „fleisch“. „Aber es wird sicher schon bald ein neues Szene-Grätzel geben“, meint er. Etwa den Brunnenmarkt? Obwohl der ist auch schon wieder...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)