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Warum die Kühe verwildern

Wandern auf der Alm
Lieber einen Sicherheitsabstand halten, als durch eine Kuhherde hindurchgehen.www.BilderBox.com
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Die Umstellung von Milchvieh- auf Muttertierhaltung und eine dadurch bedingte Verwilderung sehen Experten als mögliche Ursache für die vermehrten Attacken.

Wien. Bei Unfällen mit Kühen kam es in diesem Sommer zu zwei Todesopfern und mehreren schwer Verletzten. „Die Presse“ hat unter anderem bei Josef Troxler, Leiter des Instituts Tierhaltung und Tierschutz an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, nach Gründen dafür gefragt.

1. Ist es in den letzten Monaten tatsächlich zu mehr Unfällen mit Kühen gekommen?

Da die Zahl der Unfälle mit Kühen nicht erfasst wird, lässt sich das nicht sagen. In den letzten Monaten wurde zumindest öffentlich vermehrt über Unfälle berichtet. Ende Juli wurde eine deutsche Touristin von 20 Kühen und Kälbern im Stubaital zu Tode getrammpelt. Der jüngste Unfall hat sich vergangenen Sonntag ereignet, als ein 78-Jähriger bei einer Almwanderung in Tirol von einer Kuh umgerannt und schwer verletzt wurde. Zuvor wurden eine 46-jährige Einheimische in Tirol und ein 68-jähriger Wanderer in der Obersteiermark schwer verletzt. Letzterer war ebenso wie die Frau, die bei dem Unfall zu Tode kam, mit einem Hund unterwegs. Im Juli wurde ein 43-jähriger Hilfsarbeiter auf einer obersteirischen Weide von einem Stier getötet. „Es gab immer schon Unfälle. Vielleicht sind wir sensibler, vielleicht sind sie aber auch mehr geworden. Gründe dafür wären, dass der Wandertourismus zugenommen hat und dass es vermehrt Weidehaltung von Kühen gibt“, sagt dazu Josef Troxler.

2. Sind die Kühe Menschen nicht mehr gewohnt? Verwildern sie gar?

Manche Experten halten das nicht für ausgeschlossen. „In den letzten 20, 30 Jahren hat es eine Umstellung von Milchvieh- auf Mutterkuhhaltung gegeben, um die Milchmengen zu kontrollieren und zu senken“, sagt Troxler. Bei der Mutterkuhhaltung handelt es sich um eine Form der Fleischproduktion. Das Kalb lebt dabei bis zum Ende der Aufzuchtphase (zehn Monate) bei der Mutterkuh in der Herde. „Dazu eignet sich eine extensive Haltung mit einem geringen Betreuungsaufwand. Es kann sein, dass Tiere dabei eher mehr verwildern. Diese Tiere sind Menschen weniger gewohnt als Milchkühe, die zwei Mal am Tag gemolken werden“, sagt Troxler. Derzeit gibt es laut Lebensministerium insgesamt 766.215 Kühe, davon 529.560 Milchkühe und 236.655 Mutterkühe. Bei der Statistik Austria sind auch historische Zahlen zu finden, demnach gab es 1993 insgesamt 828.147 Milchkühe und 69.316 Mutterkühe. Die Zahl der Milchkühe wurde ab 1946 erfasst, damals gab es gar 1.134.229 Milchkühe – mehr als doppelt so viele wie heute.

3. Wann kommt es zu Unfällen mit beziehungsweise Attacken von Kühen?

Das ist natürlich jeweils im Einzelfall zu betrachten, aber generell dann, wenn sich die Tiere bedroht fühlen. Troxler rät daher, einen Sicherheitsabstand zu halten, den Tieren nicht direkt in die Augen zu schauen – da sie das als Bedrohung interpretieren – und Kühe nicht zu schrecken bzw. deren Aufmerksamkeit zu erregen. Kühe haben übrigens einen fast 360-Grad-Blick, sie sehen also auch (wenn auch unscharf) was neben bzw. fast hinter ihnen passiert.

4. Woran erkennt man, dass sich das Tier bedroht fühlt?

Generell sind Mutterkühe mit Kälbern und Jungtiere zu meiden, da Erstere ihre Jungen beschützen und Letztere neugierig und verspielt sind. Wenn eine Kuh aufrecht herschaut und die Ohren nach vorne stellt, ist sie neugierig. Sobald sie den Kopf senkt und schnaubt, wird es gefährlich. „Das Absenken des Kopfes in Richtung Boden bedeutet höchster Alarm, das ist ein Zeichen des Angriffs, weil die Tiere Kopf zu Kopf kämpfen und von unten nach oben stoßen“, so Troxler.

5. Wie verhält man sich im Falle des Falles richtig? Was tun mit Hunden?

Troxler hat dazu ein paar Tipps: einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern einhalten, nie durch eine Herde hindurchgehen, die Tiere nicht mit schnellen Bewegungen oder lauten Geräuschen schrecken, unauffällig vorbeigehen (möglichst bergseitig, weil Kühe nicht so schnell aufwärts wie abwärts kommen), Kälber nicht berühren, einen Hund, wenn möglich in die Gruppe der Wanderer zu nehmen und anleinen. Wenn eine Kuh eine Attacke startet, sollte man sich langsam und ruhig rückwärts entfernend (damit man das Tier im Auge behält). Ein Hund soll bei einer Attacke sofort abgeleint werden. „Die zwei regeln das schon“, so Troxler. Außerdem empfiehlt er einen Wanderstock, um im Notfall das Tier mit einem Schlag auf den Nasenrücken kurz einzuschüchtern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2014)