Gert Jonkes „Freier Fall“ wird heute, Samstag, am Wiener Akademietheater uraufgeführt. Der „Presse“ erzählt er über starke Bilder, Wutanfälle und reine Poesie.
Die Presse: „Freier Fall“ ist Ihr drittes Stück fürs Burgtheater, zum dritten Mal führt Christiane Pohle Regie. Wer hat sich da in wen verliebt?
Gert Jonke: Die Umstände haben sich in uns verliebt, sie führten auch dazu, dass Frau Pohle immer dann Zeit hat, wenn es für meine Stücke in Wien so weit ist.
Aber Sie müssen wohl auch mit ihr zufrieden sein. Was macht diese Regisseurin so prädestiniert für Jonke-Dramen?
Jonke: Die Sachen, die ich schreibe und wie ich sie schreibe, passen offenbar zu den Assoziationen und Bildern, die sie dazukonstruiert. Wir sind in unseren Gefühlen offensichtlich kompatibilisierbar. Wenn ich etwas schreibe, entsteht in ihrem Kopf sogleich die richtige Assoziieranlage, das sinnlich so umzusetzen, dass wir beide etwas davon haben. Frau Pohle macht kontrapunktisch kleine Handlungsabläufe dazu, die richtig sind, obwohl sie nicht im Text stehen.
Und was schätzt diese Regisseurin an Ihnen?
Jonke: Wenn ich das sagte, müsste ich mich jetzt loben, das sollte man aber nicht tun. Das wäre unseriös. Wir haben uns schon während des Schreibens unterhalten. Es war bald klar, dass ich weniger in kurzen dialogischen Abläufen schreiben soll, sondern eher in großen Blöcken. Das kommt ihr entgegen.
Elfriede Jelinek schreibt Dramengebirge. Was die Regisseure daraus dann verwenden, soll ihr offenbar egal sein. Sie mischt sich nicht ein.
Jonke:Solche Gebirge mache ich nicht. Ich schreib' auch nicht so schnell. Bei mir geht es um dramaturgisch genau aufgebaute Blöcke. Beim Verfassen von „Freier Fall“ habe ich an (den Schauspieler) Markus Hering gedacht. Er ist ein sehr sportlicher Mensch. Daran knüpft eine tragische Geschichte vom Tauchen an. Ich habe mir Hering als Taucher vorgestellt, Bücher über Tauchen gelesen. Ich bin ein Mensch, der gern das Wasser hat.
Wie schreiben Sie?
Jonke:In Schüben, meist in der Nacht. Diesmal ist der Termin immer näher gerückt, der Text war aber immer noch zu kurz. Da bin ich zum Donauturm gefahren, weil ich von der Telefonseelsorge weiß, dass der die Selbstmörder anzieht. Ich habe mir den Turm angeschaut, mir vorgestellt, wie das ist, sich dort runterzustürzen, dann die Szene ganz schnell geschrieben. Da war es fertig.
Was war das erste Bild, das Sie von diesem Drama vor sich hatten?
Jonke: Dass ein Mensch immer wieder versucht, sich umzubringen, aber es missglückt jedes Mal. Ich habe viel über den Suizid gelesen. Da ist mir bei der Lektüre einer untergekommen, der glaubte, unendliche Male gelebt zu haben und immer wieder aus dem Leben geschieden zu sein. Dieser seltsame Lebenslauf wurde von mir so hingeschrieben, dass man nicht fragt, wie das gehen soll. Man muss selbstverständlich machen, was einem ein Rätsel ist.
Die Leichtigkeit, mit der Sie über den Freitod schreiben, ist außerordentlich.
Jonke: Über etwas so Schreckliches wie die Selbstbeseitigung kann man wahrscheinlich nur mit einem lebensbejahenden Witz schreiben, um es überhaupt auszuhalten.
Wie würden Sie den Inhalt zusammenfassen?
Jonke: Ich werde es in drei Sätzen versuchen. Im ersten Teil berichtet der Hauptheld über seine vielen Suizide. Im zweiten Teil erfährt er etwas, was ihn davon abhält, sich noch einmal umzubringen: das Versprechen, dass ihm die große Liebe zuteil wird. Das wird sie auch. Im dritten Teil wirft eine Katastrophe die Idylle zurück. Mehr sei nicht verraten.
Verraten Sie mir, ob Sie von den Bildern in Ihren Stücken träumen? Vom vielen Wasser, vom Sterben, von Partys, von Anstalten, von Liebe?
Jonke: Mit Suizid und Psychiatrie habe ich Erfahrungen durch die letzten Jahre meiner Mutter. Feste hingegen waren immer die zauberhaftesten Erlebnisse für mich. Sie haben immer wieder etwas ausgelöst. Ich träume wirklich viel. Ein Bild im neuen Stück entstand so: Ich träumte, dass mein Körper vollständig beschriftet war, und konnte diese Schrift auch lesen. Das ist ein Geschenk des Traums, das möchte ich erzählen.
Ist das die Sicht eines Apokalyptikers?
Jonke: Um die Apokalypse zu sehen, muss man sich heute nicht anstrengen, wenn man an die Bilder von Leuten denkt, die sich um Brot anstellen: Das sind ägyptische Szenen aus dem Alten Testament.
Und wie bewältigen Sie diese Erfahrung?
Jonke: Ich kriege manchmal Tobsuchtsanfälle. Das ist etwas sehr Merkwürdiges. Schauen Sie mich an: Die Tobsucht ist bei mir zwar nicht glaubwürdig, aber zumindest wirkt sie auf mich befreiend. Mir hilft das.
Muss man sich Gert Jonke dennoch als glücklichen Menschen vorstellen?
Jonke: Ich versuche, glücklich zu sein, indem ich das, was man verzweifelt sein muss, zwischendurch als eine Arbeit ableiste.
Das ist ein komplizierter Satz.
Jonke: Die Verzweiflung, die sich mir aufdrängt, wird abgeleistet, indem ich eben verzweifelt bin. Das ist die Voraussetzung dafür, glücklich sein zu können. Diese Verzweiflung stellt sich so dar, dass das Papier weiß bleibt, und dass ich mich sehr anstrengen muss, dass es irgendwie beschrieben wird.
Sie begannen 1969 mit „Geometrischer Heimatroman“, schrieben hochgelobte Romane. Dann wurde es etwas ruhiger, zuletzt hat man Sie mit Preisen überhäuft. Wie gehen Sie um mit dem Ruhm und seinen Schwankungen?
Jonke: Beim Ruhm kenn' ich mich nicht so aus. Der nützt mir nichts. Mir ist es lieber, dass ich etwas geschrieben habe, als dass ich schreibe. Wenn ich etwas geschrieben habe, bin ich eine Zeit lang ruhig. Wenn das aber zu lang wird, bin ich wieder unglücklich. Das Schreiben dann ist aber anstrengend, weil das Papier zunächst wieder weiß bleibt. Die Sache wird immer schwieriger. Ich weiß, dass ich nicht mehr sein möchte, wenn ich nichts Neues mehr anfange. Das klingt jetzt sehr pathetisch.
Das klingt wie bei Samuel Beckett.
Jonke: Den liebe ich. Der hat mich schon sehr geprägt. „Erste Liebe“, „Mercier und Camier“.
Wenn man sich mit dem vergleicht, kann man gleich wieder einpacken.
Jonke: Besser geht's nicht. Das Fahrrad bei „Mercier und Camier“!
Die Zugfahrten!
Jonke: Die Zugfahrten!
Wer aber ist Ihr literarisches Vorbild?
Jonke: Robert Walser. Das ist für mich eine Art Vorfahre, wie auf ganz andere Art H.C.Artmann. Wir waren gut befreundet, ich habe viel von ihm gelernt. Auch die Wutausbrüche.
Wie kann man Ihnen Komplimente machen?
Jonke: Sie müssen sagen, ich sei ein Poet.
AUF EINEN BLICK
Gert Friedrich Jonke wurde am 8.Februar 1946 in Klagenfurt geboren. Bereits seine erste Veröffentlichung, „Geometrischer Heimatroman“, machte ihn 1969 bekannt. Weitere wichtige Prosawerke: „Schule der Geläufigkeit“ (1977), „Der ferne Klang“ (1979), „Redner rund um die Uhr“ (2003).
Fürs Burgtheater schrieb Jonke „Chor-phantasie“, „Die versunkene Kathedrale“ und „Freier Fall“, uraufgeführt 2003, 2005 und 2008 am Akademietheater.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)