USA: Die Suche nach einem starken Stellvertreter

(c) AP (Dennis Cook)
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Der Republikaner John McCain lud potenzielle „Running Mates“ auf seine Ranch ein. Auch Barack Obama sucht einen Vizepräsidenten, obwohl er noch nicht einmal nominiert ist.

Washington.Sedona ist eine der schöneren Ortschaften in Arizona. Umrahmt von rötlichen Tafelbergen mit einem kleinen Fluss und saftigen Wäldern – ein Idyll. Hierher auf seine Ranch hat John McCain an diesem Wochenende drei Politiker eingeladen. Einer von ihnen wird möglicherweise mit mehr als der Schönheit der Landschaft belohnt: mit dem Job des Vizepräsidenten der USA.

„Es ist ein ganz normales Wochenende mit Freunden“, spielen die Presseleute des republikanischen Präsidentschaftskandidaten das Treffen herunter. McCain lade sich oft Freunde ein, so eben auch an diesem Samstag und Sonntag (man bekommt eine Ahnung der Dimension seiner Ranch, wenn er insgesamt neun Pärchen problemlos unterbringen kann). In diesem Fall freilich decken sich ein paar seiner Freunde mit der Liste der aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten.

Ganz oben steht der republikanische Jungstar Bobby Jindal, Gouverneur von Louisiana. Der Sohn einer Einwandererfamilie aus Indien ist sozialkonservativ, strikt gegen die Abtreibung, und er hat vor allem eine wichtige Eigenschaft: Er ist jung. 36 Jahre – halb so alt wie McCain, der heuer 72 wird. Der „New York Times“-Kolumnist William Kristol, der perfekte Kontakte zu den Republikanern hat, schrieb schon vor Wochen, dass Jindal McCains vermutlicher „Running Mate“ sei.

Gute Chancen sagt man auch Charlie Crist nach, für den spricht, dass er Gouverneur von Florida ist. Ein Sieg in diesem „Swing-State“ ist für die Wahl im November wichtig. Außerdem steht McCain persönlich tief in der Schuld des 51-Jährigen: Crist hat eine Wahlempfehlung für den Senator ausgesprochen, die McCain wesentlich half, die Nominierung zu gewinnen.

Obamas Liste ist lang

Der Dritte im Bunde ist Mitt Romney, der am Freitag mit seinem Privatflugzeug aus Massachusetts einflog. Der ehemalige Gouverneur hatte sich ebenfalls um die republikanische Präsidentschaftsnominierung beworben. Was für ihn als „Veep“ spricht, ist seine wirtschaftliche Vergangenheit: Er managte erfolgreich ein Unternehmen und führte die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City in die Gewinnzone. Eine ideale Ergänzung zu McCain, der offen zugab, dass er sich mit Wirtschaft „nicht so gut“ auskennt. Doch aufgrund der persönlichen Attacken im Vorwahlkampf hat Romney geringere Chancen.

Dass Sonntagabend schon ein Vizepräsidentschaftskandidat feststeht, darf man freilich bezweifeln. McCain lässt sich zweifellos noch Zeit, denn allzu früh will er seinen „Running Mate“ dem politischen Gegner nicht zum Fraß vorwerfen.

Dem gab er am Freitag ohnehin schon tiefe, persönliche Einblicke, nämlich in seine Gesundheitsgeschichte. Medien durften 400 Seiten Krankengeschichte studieren, mit der der 71-Jährige zeigen will, dass er kerngesund ist. „Es gibt keine Überraschungen“, erklärte McCain im Vorfeld. Sein Melanom im Gesicht – von dieser Operation stammt die lange Narbe auf der linken Gesichtsseite des Senators – habe sich nicht ausbreiten können, und er habe keine psychischen Probleme aufgrund seiner Kriegsgefangenschaft in Vietnam.

Um die mediale Aufmerksamkeit etwas von McCain abzulenken, ließ das Büro des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Barack Obama am Freitag durchsickern, man suche ebenfalls bereits einen „Running Mate“. Damit will man zeigen, wie zuversichtlich man ist, die Nominierung gegen Hillary Clinton zu gewinnen.

Die Liste von Obamas Vizepräsidentschaftskandidaten ist freilich noch ziemlich lang, draufstehen dürfte aber unter anderem Bill Richardson, Gouverneur von New Mexico. Seine Mutter ist Mexikanerin, Richardson würde Obama somit helfen, die lateinamerikanische Bevölkerung zu gewinnen.

Für die Arbeiterklasse ist John Edwards, „Running Mate“ von John Kerry 2004. Und für die demokratische Basis wäre Hillary Clinton. Doch mit ihr auf dem Ticket würden Obamas Wahlchancen eher sinken als steigen, glauben Beobachter.

LEXIKON. Vizepräsident

Der Vizepräsident der USA ist ein reiner Platzhalter für den Fall, dass der Präsident stirbt oder zurücktritt. Seine Aufgaben sind zeremonieller Natur, er eröffnet beispielsweise Brücken oder Flughäfen. Der Vizepräsident ist Vorsitzender des Senats, bei 50:50-Abstimmungen entscheidet seine Stimme. Welch großen Einfluss der „Veep“ auf den Präsidenten haben kann, zeigten Dick Cheney und George Bush. Cheney gilt als der politisch einflussreichste Vize, der jemals im Weißen Haus diente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)

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