Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die späte Rache ist der Bobo

Die „bourgeois bohemians“ schätzen zwar Früchte und Vertreter der 68er, aber noch mehr ihr eigenes bürgerliches Konsumleben.

WIEN.Den Begriff hört keiner mehr gerne. Denn der Ausdruck Bobo gilt fast schon als Schimpfwort. Zu Recht könnte man zynisch sagen. Und: Die Bobos sind die späte Rache an der 68er-Bewegung. Die sogenannten „bourgeois bohemians“ waren ursprünglich eine Sammelbezeichnung für die US-amerikanische Oberschicht am Ende der 1990er-Jahre, die „Konservativen in Jeans“, wie sie genannt wurden. „Bobos in Paradise“ hieß der Besteller von „New York Times“-Kolumnist David Brooks, der beschreibt, wie eine neue Generation die Früchte der 68er geerntet hat und für sich die Vorteile eines bürgerlich-konservativen Lebens einfordert.

Der Lebensstil der Bobos führte zusammen, was zuvor als unmöglich galt: Reichtum und Rebellion, beruflichen Erfolg und eine vordergründig nonkonformistische Haltung, den Spaß der Hippies und den unternehmerische Geist der Yuppies, beschreibt es Wikipedia. Der „bourgeois bohemian“ gibt sich ein bisschen idealistisch, wählt Grün, spendet ab und zu für Sozialprojekte in der Dritten Welt und verteidigt aber bei Bedarf vor allem die eigene Dachterrassen-Begrünung mit Zähnen und Klauen.

Die uneingeschränkte Befriedigung von Hedonismus und Individualismus steht klar im Vordergrund, die Wahl des richtigen Restaurants, Buchs oder Kinofilms ist mindestens so wichtig, wie in einer politischen Diskussion eine Meinung zu vertreten, die bei anderen Bobos einen schlanken Fuß macht. Dass dabei – bei Restaurant-Wahl und Politik – längst jedwede Individualität verloren gegangen ist, fällt dem Bobo nicht einmal auf. Denn genau daran erkennt man ihn auch: Ob die Retrospektive im Gartenbau, der Abstecher nach Barcelona, der Lokalbesuch am Karmelitermarkt, die Schweizer Freitag-Tasche, der kreative Job und das gelegentliche Empören über Wolfgang Schüssel – originell ist der neue alte Städter-Typ nie, und wenn dann nur gemeinsam. Das geht so weit, dass man ihnen eine unheilvolle Wirkung auf bestimmte Gegenden nachsagt: Ihr selbstbewusstes Leben in Vierteln und Subkulturen führt durch ihre höhere Kaufkraft zum Anstieg der Mieten und zur Verdrängung der ursprünglichen Bewohner. In Wien gelten vor allem die Umgebung um den Naschmarkt und das Karmeliterviertel als klassische „Bobo“-Bezirke“, in Berlin noch immer Prenzlauer Berg.

Sexuelle Befreiung, politische Mitsprache und (familiäre) Durchsetzungskraft gegenüber Autoritäten sind Selbstverständlichkeiten, aber nichts, wofür man groß diskutieren müsste. Zumal diese vor allem dann zu gelten haben, wenn sie einem nützen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2008)