Wahnsinn: Auto fahren lenkt von der SMS ab!

Smartphones verändern unsere Kultur. Nicht immer ist das gesund. Und auch die Orthografie leidet.

Die Meldung hat wahrscheinlich hunderttausende Leser in der U-Bahn erschreckt: Immer mehr Menschen fahren mit dem Auto, während sie eine SMS auf ihrem Handy tippen. Man bedenke die Folgen! Wie viele Rechtschreibfehler können Lenkern von Kraftwagen beim Verfassen komplexerer Botschaften passieren, während sie hoch konzentriert versuchen, Gas zu geben, um das tiefe Orange der Ampel sowie den Zebrastreifen dahinter gerade noch mit 66 Sachen zu überwinden und zugleich beweglichen Weichzielen auszuweichen.

Aber die Nachricht muss stimmen, sie stand gestern in Heute: „Jede(r) Vierte tippt beim Auto fahren SMS.“ Im Blattinneren wird aufgeschlüsselt: Laut Studie eines Versicherers telefonieren 47 Prozent der Fahrer mit Freisprechanlage, 31 Prozent lesen Textnachrichten (bei den bis zu 29-Jährigen sogar 47 Prozent), und 26 Prozent texten einfach. Man braucht dazu ohnehin nur die Daumen. Das Navi bedienen während der Fahrt bloß 18 Prozent, auf Facebook sind gar erst mickrige 14 Prozent. Da gibt es noch Spielraum.

Nicht genannt wird, wie viele Lenker im Internet surfen, dabei essen, trinken, rauchen, fixen oder alles zusammen machen. Auch hält die Studie geheim, wie viele Autofahrer beim Telefonieren ohne Freisprechanlage Hunde füttern, Sex haben und „Kronehit“ im Radio hören. Noch ist das eine Dunkelziffer. Aber an sich kann man behaupten, dass die Österreicher gegenüber neuen Technologien aufgeschlossen sind.

Den Boulevard, der sich naturgemäß auf die Straße konzentriert, hat es zwar nicht interessiert, aber hier sei ergänzt, wie das Smartphone, das penetranteste unserer kleinen Helferlein, die Kultur verändert: Immer mehr Kritiker verzichten sogar in den besten Häusern auf Kontemplation im vierten Akt, weil sie von vifen Onlinemedienmanagern dazu angehalten werden, bereits während der Aufführung in Kurzform auf Twitter oder in der Tiefenanalyse auf Google+ eine Zwischenbilanz des Dargebotenen zu liefern. Das ist verbürgt, man möge es bei Whisper oder Secret nachlesen. Noch nicht bestätigt werden konnten allerdings Gerüchte, dass vereinzelte Schauspieler, die gerade keinen Monolog zu sprechen hatten, sondern nur hinten herumstanden, eine App öffneten, um mitten in der Premiere die Halbzeit-Ergebnisse nachzulesen.

Alles eine Frage der Zeit! Der Fortschritt wird es mit sich bringen, dass demnächst jemand nach der Oper, noch benebelt von zu vielen Noten, auf der Autobahn zum Handy greift, um nachzulesen, warum denn dieser Tenor zur Hölle gefahren ist. Wehe, er liest eine fade Kritik zur faden Aufführung. Danach steht glatt in den Gazetten: „Mobiler Telefonierer starb an Sekundenschlaf.“

E-Mails an:norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2014)

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