Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Abdullah Güls bitterer Abschied

Turkey´s Foreign Minister Ahmet Davutoglu attends a meeting in Ankara
Turkey´s Foreign Minister Ahmet Davutoglu attends a meeting in Ankara(c) REUTERS (UMIT BEKTAS)
  • Drucken

Türkei. Der scheidende Präsident plauderte bei einem Empfang aus, dass Außenminister Ahmet Davutoğlu heute zum Premierminister bestellt werden soll. Von der eigenen Partei zeigt sich Familie Gül enttäuscht.

Istanbul. Hayrünnisa Gül ist es gewohnt, sich im Hintergrund zu halten. Sieben Jahre lang setzte sie als Gattin des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül vorwiegend ohne Worte deutliche Zeichen: als erste türkische First Lady, die Kopftuch trug. Doch am Dienstagabend gab Frau Gül ihre Zurückhaltung auf, als es beim Abschiedsempfang des Präsidenten in Ankara aus ihr herausplatzte. Ihr Mann sei zu gut erzogen, um darüber zu sprechen, was ihm angetan werde, schimpfte sie: „Aber ich weiß alles.“

Abdullah Gül selbst plauderte dabei fast beiläufig aus, dass Außenminister Ahmet Davutoğlu neuer Premier und Chef der Regierungspartei AKP werden soll, wenn der neugewählte Präsident Recep Tayyip Erdoğan nächste Woche sein Amt antritt. Damit stahl Gül seinem Nachfolger die Show: Erdoğan selbst will Davutoğlu heute offiziell als Nachfolger vorstellen. Güls Plauderei sollte Erdoğan offenbar ärgern, denn die Güls scheiden bitter enttäuscht aus dem Präsidentenpalast.

Der Zorn von Frau Gül richtete sich gegen Anhänger der von ihrem Mann mitgegründeten AKP – und wohl auch gegen Erdoğan selbst. Was sie derzeit erlebe, sei schlimmer als die Zeiten, als sie wegen ihres Kopftuches attackiert wurde, sagte sie. Lange werde sie nicht mehr schweigen: „Ich werde die Intifada anzetteln.“

 

Wut auf Journalisten

Erdoğan und seine Gefolgsleute hatten Gül in den vergangenen Wochen den Weg zur raschen Rückkehr in hohe Partei- und Regierungsämter nach dem Ende der Amtszeit als Staatschef verbaut. Beim Empfang weigerte sich Hayrünnisa Gül, dem als besonders Erdoğan-treu bekannten Journalisten Abdülkadir Selvi die Hand zu geben. „Auf Sie bin ich sehr wütend“, zischte sie ihn an.

Auch Präsident Gül beklagte sich über „Respektlosigkeiten“ aus den eigenen Reihen. Erdoğan will seinen treuen Berater Davutoğlu als Partei- und Regierungschef, weil der neue Präsident selbst die Fäden in der Hand halten will: Als Staatschef braucht er einen Erfüllungsgehilfen, keinen Vollblutpolitiker mit eigener Machtbasis wie Gül.

Der Auftritt der Güls beim Abschiedsempfang offenbarte die tiefen Zerwürfnisse im Lager der AKP. Gül, ein ehemals enger Weggefährte Erdoğans, betonte demonstrativ seine Unterstützung für das parlamentarische System – und nahm damit gegen Erdoğans Präsidialpläne Stellung. Gül ist in der Partei hoch angesehen und bei Weitem nicht der einzige Politiker, der den Kurs von Erdoğan mit Sorge betrachtet. In der Oppositionspresse werden Gül bereits Pläne zur Gründung einer eigenen Partei nachgesagt. Er hätte möglicherweise das Potenzial, Erdoğans AKP zu schaden. Seine politische Heimat bleibe aber die AKP, sagte Gül dazu. Damit ist auch klar: In den nächsten Monaten könnte er zu einem wichtigen Gegenspieler Erdoğans werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2014)