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Pop

Jazzfestival Saalfelden: Fiepsen, Dröhnen, klassische Töne

„Der Jazz muss schon im Zentrum bleiben“: Philipp Nykrin trat zwar auch beim Frequency-Festival auf, eher daheim fühlt er sich aber beim Jazzfestival Saalfelden.(c) Jazzfestival Saalfelden
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Am 28. 8. startet Saalfelden mit Philipp Nykrins Wire Resistance. Ein Gespräch mit dem Pianisten über seinen Lehrer, New Yorker Lokale, den Reiz von Rock und R&B.

Das Jazzfestival Saalfelden lockt alljährlich junge heimische Musiker mit seinem Kompositionsauftrag. Wer den gewinnt, darf nicht nur das renommierte Festival vor internationaler Presse eröffnen, sondern hat zudem die Möglichkeit, mit Kollegen aus aller Welt zu arbeiten. In jüngerer Vergangenheit nützten Saxofonist Max Nagl, Gitarrist Martin Philadelphy und Pianist David Helbock diese Chance, sich in die Auslage zu stellen. Heuer wird diese Ehre dem Salzburger Pianisten Philipp Nykrin zuteil. Der in Wien lebende 30-jährige Jazzer fiel vor allem dadurch auf, dass er leidenschaftlicher Genrehopper ist, der sich mit viel Liebe auch dem Hip-Hop, der Elektronik und sogar schmeichelweichem Radiopop widmet.

Fürs Eröffnungskonzert wollte sich Nykrin zunächst mit New Yorker Kollegen umgeben. Das klappte diesmal nicht. Trotzdem ist das musikalische Treiben dort wegweisend für Nykrin. Fast jedes Jahr zieht es ihn hin zur Stadt am Hudson River. Er studiert dort die neuesten Trends in den Clubs von Manhattan. Etwa dem von John Zorn betriebenen The Stone, der kleinen 55 Bar oder dem Poisson Rouge, wie das legendäre Village Gate heute heißt. Als Freund des unangestrengten Genrewechsels schätzt Nykrin an der dortigen Szene, dass Elemente des Soul, R&B und Rock ganz organisch in die Improvisationen eingearbeitet werden. „Dieser Trend, dass Jazzmusiker nicht unbedingt nur mit Jazz sozialisiert sind, ist mittlerweile auch ganz gut in Wien zu bemerken“, stellt Nykrin patriotisch fest. In den letzten beiden Jahren stieg deshalb sein Appetit auf elektronische Instrumente merklich.

 

„Indieband mit Bildungsauftrag“

Eben brachte er als Keyboarder mit seinem Trio, Namby Pamby Boy, das Album „Greatest Hits Vol.2“ heraus. Ihre augenzwinkernde Marketingkampagne, in der sie sich als „Indieband mit Bildungsauftrag“ bezeichneten, brachte ihnen im heurigen Sommer immerhin auch einen Auftritt beim Popfest Wien ein. Dort entwickelten sie erstaunliche Sogkraft. Junge Menschen, die sonst nichts mit Jazz am Hut haben, begannen zu tanzen. Die erdigen Grooves waren allerdings lustvoll von den störrischen Saxofon-Melodielinien Fabian Ruckers kontrastiert. Die junge Kombo sagt Ja zum Hedonismus – unter der Voraussetzung, dass ein paar anständige Hürden eingebaut sind.

Von dieser neuen Kultur der komplizierten Vergnügung lässt Nykrin allerdings ab, wenn er die bayerische Rapperin Fiva musikalisch unterstützt. Bei ihr ging es vor allem darum, appetitliche Rhythmus-Tracks zu ersinnen. Das gemeinsame Album „Alles Leuchtet“ schaffte es immerhin auf Platz acht der österreichischen Charts.

Durch seine stilistische Breite kann Nykrin auch in für Musiker nicht leichten Zeiten ganz gut überleben. „Es gibt sicher Berufe, wo man einfacher Geld verdienen kann. Die freien Stunden sind schon ziemlich eingeschränkt, aber mir gefällt mein Leben.“ Dazu trägt wesentlich bei, dass er seine Ausflüge in andere Stile nur zu eigenen Bedingungen unternimmt. Wesentlich für den Jazzer Nykrin ist, dass auch bei seinen musikalischen Sidesteps nicht alles komplett durchgeplant ist. „Ohne improvisatorisches Element ergibt Musik keinen Sinn für mich“, sagt er, der die klassische Fusion eines Miles Davis und eines Joe Zawinul schätzt. „Ich bin Fan vieler alter Sachen. Etwa ,Live/Evil‘ und ,Bitches Brew‘ von Miles Davis. Noch mehr mag ich allerdings Aktuelles.“

 

Spartanisches Duoformat

Dazu zählen für ihn die randständigen Klangforschungen der Pianisten Greg Taborn und Jason Moran. Auch, dass der als Purist des Flügels geltende Brad Mehldau jüngst mit „Mehlania“ ein Album veröffentlicht hat, auf dem er Keyboards und Synthesizer spielt, fasziniert Nykrin. „Was ich so spannend fand, war, dass er sein Experiment mit der Elektronik im spartanischen Duoformat absolviert hat.“ Bei aller Freude am Fiepsen und Dröhnen, Nykrin ist im Wesenskern klassischer Jazzpianist. Seine Idole sind Granden wie Bill Evans, Richard Muhal Abrams und Andrew Hill, alles ausgeprägte Individualisten, die nie im Mainstream eine Rolle gespielt haben. Auch Christoph Cech, sein Lehrer am Linzer Bruckner-Konservatorium, ist so ein Protagonist des „Leftfield Jazz“, wie die harschen Kräfte des Genres so schön euphemistisch bezeichnet werden. Nykrin schwärmerisch: „Allein dadurch, dass Cech eine starke, eigene Spielweise als Pianist hat, macht er mir Mut, eine eigene Klangsprache zu entwickeln. Auch als Komponist sind seine Macherqualitäten beeindruckend. Cech predigte permanent, dass man auch ohne Instrument komponieren soll.“ Das nahm sich Nykrin sehr zu Herzen. Es steigert offenbar auch die Qualität seiner Improvisationen. Im Vorjahr begeisterte Nykrin mit „Créme Proleau“ auf der kleinen Bühne in Saalfelden. Zur Beschreibung ihrer vielschichtigen Sounds behalf er sich mit der etwas eckigen Formel „Realtime Comprovisation“. Heute spricht er lieber simpel von „beatlastigem Free Jazz“.

 

Der erste Kompositionsauftrag

Hat Saxofonveteran Lou Donaldson recht damit, dass Improvisation nichts als eine große Lüge sei? „Das würde ich jetzt nicht sagen. Aber es ist klar, dass jeder Spieler ein vorgefertigtes Vokabular hat. Die Zusammensetzung der Spieler macht dann den Reiz aus.“ Aus gutem Grund hat Nykrin am eigenen Line-up für sein Quintett in Saalfelden lange getüftelt. „Es ist mein erster Kompositionsauftrag. Da überlegt man sich schon einige Varianten. Aber dann ist doch recht rasch die Idee eines Quintetts entstanden. Das ist eine klassische Besetzung, in der ich noch nie gearbeitet habe.“ Wohin wird die Reise gehen? „Von der Klangästhetik her selbstverständlich an die Schnittstelle von elektronischer und akustischer Musik. Mal sehen, was uns an diesem speziellen Ort glückt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2014)