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Islamisten: Das Geschäft mit den Geiseln

Barack Obama
Barack Obama(c) REUTERS (KEVIN LAMARQUE)
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Befreiungsaktion eines US-Elitetrupps für James Foley & Co. misslang. Die USA weigerten sich, für Kriegsreporter Lösegeld von 100 Mio. Dollar zu zahlen.

Barack Obama höchstpersönlich gab grünes Licht für die streng geheime Kommandoaktion der US-Spezialeinheit Delta Force – so wie damals im April 2011 gegen Osama bin Laden. Zu Beginn des Sommers, so die US-Regierung, flogen zwei Dutzend Elitesoldaten im Schutze der Dunkelheit zu einer Befreiungsaktion westlicher Geiseln über die syrische Grenze.

Als die Hubschrauber sie an einer Ölraffinierie im Norden des Landes absetzten, stellten sie nach einem Schusswechsel ernüchtert fest, dass die Geiseln – unter ihnen auch der jüngst ermordete Kriegsreporter James Foley – bereits verschwunden waren. Der Einsatz des Sondertrupps kam offensichtlich zu spät. Die US-Geheimdienste hatten einen vertraulichen Wink bekommen, dass die Geiseln dort festgehalten würden. „Es war eine Frage von Stunden oder vielleicht auch von ein, zwei Tagen“, sagte ein Beamter des Pentagon.

Zum ersten Mal hatte Washington eine Mission von US-Einheiten in Syrien eingestanden, und das Verteidigungsministerium ist darüber alles andere als glücklich – nicht nur, weil der Einsatz misslang, sondern auch, weil er die Extremisten des Islamischen Staats (IS) auf mögliche weitere Operationen aufmerksam machte. James Foley und seinen Mitgefangenen blieb die Rettung versagt – als Washington nach monatelangen Verhandlungen und E-Mail-Verkehr mit den Eltern Foley auch die Zahlung der Lösegeldsumme von 100 Millionen Dollar verweigerte und US-Jets Luftangriffe gegen die Jihadisten flogen, war Foleys Todesurteil wohl endgültig besiegelt. Vor einer Woche erhielten dessen Eltern schließlich ein Aviso auf dessen Hinrichtung.

Der US-Reporter ist indessen beileibe kein Einzelfall. In den letzten Tagen und Wochen wurden in der Nähe Aleppos zwei Italienerinnen, ein Däne und ein Japaner verschleppt. Alle sollen Reporter oder Fotografen sein, die der IS nach Raqqa in seinen Hauptstützpunkt brachte.

Seit Beginn des Bürgerkriegs wurden insgesamt 80 Journalisten entführt. Davon sollen sich heute noch rund 30 in Gefangenschaft befinden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da viele Betroffene es vorziehen, anonym zu bleiben. In einigen Fällen sorgte die Publicity freilich dafür, dass die Medienleute ihre Freiheit wiedererlangten.

Kidnappings von Journalisten sind in Syrien ein langwieriger Prozess. Denn die Entführer verschleppen ihre Opfer ohne feste Absichten, sie werden quasi prophylaktisch als Spione verhaftet. Zumindest war das so bei den radikalen Islamistengruppen Jabhat al-Nusar und IS. Im Jänner gab es aber dann eine Fatwa aus dem Umfeld der Taliban und der al-Qaida, die sogar den Mord an „anti-islamischen“ Journalisten erlaubte. Explizit wurden dabei Vertreter von Fox News, AP, BBC, Pakistans GEO News und al-Jazeera genannt.

 

Geiseln als Wertanlage

Die gefangenen Journalisten bunkerte man wie ein Anlagevermögen – eine Rücklage für schlechte Zeiten. In den meisten Fällen gab es lange Zeit keinerlei Forderungen, geschweige denn ein Lebenszeichen. Foley war bereits im November 2012, zu Thanksgiving, von Bewaffneten auf seiner Rückreise in die Türkei entführt worden. Foleys Verhängnis war sein Pass: US-Staatsbürger gelten als Stellvertreter des Weißen Hauses, als Erzfeind.

Als Foley entführt wurde, existierte der IS noch nicht. Der Journalist, der für das Onlinemagazin „Global Post“ und die Nachrichtenagentur AFP arbeitete, muss von seinen Entführern weiterverkauft worden sein – oder sie sind selbst dem IS beigetreten. Foley blieb verschollen, bis andere Gefangene nach ihrer Freilassung berichteten, ihn gesehen zu haben.

Eine Reihe von Journalisten, Spanier und Franzosen, kam gegen Lösegeld frei. Entführungen sind in Syrien zum lukrativen Geschäft geworden, und viele wollen daran verdienen. Im Mai scheiterte nur knapp der Versuch, ein britisches Reporterteam der „Times“ zu entführen. Die Täter waren ausgerechnet Rebellenkommandeure, mit denen die Journalisten bereits mehrfach zusammengearbeitet hatten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2014)