Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Ukraine: Vom Krieg hinter dem Krieg

UKRAINE TYMOSHENKO
(c) EPA (SERGEY DOLZHENKO)
  • Drucken

In der Ostukraine wetteifert Russland mit dem Westen um Einflusszonen. Das Big Game freilich verdeckt, dass dahinter die einheimischen Oligarchen ihren Parallelkampf führen und die Reviere neu festlegen.

Wien. Der Krieg in der Ukraine ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Er schafft auch den Boden dafür, dass Undenkbares im ökonomischen Machtgefüge des Landes plötzlich Wirklichkeit wird. Attacken gegen den reichsten Ukrainer, Rinat Achmetow, etwa. Vorige Woche nahmen Bewaffnete eine Fabrik des unantastbaren Herrschers über den metall- und kohlereichen Donbass in Donezk ein.

Nicht nur in der Ostukraine wird der 47-Jährige, dessen Vermögen von Forbes auf 12,3 Mrd. Dollar geschätzt wird, attackiert. Zuvor drangen Aktivisten der Ex-Premierministerin Julia Timoschenko in die Kiewer Residenz des Oligarchen ein. Ihre Forderung: Er „soll sich entscheiden, für wen er ist“.

Tatsächlich tat sich Achmetow, vorher Hauptfinancier des im Frühjahr geflüchteten Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch, zuletzt schwer, auf wen er setzen sollte. Sympathisierte er anfänglich mit den Separatisten, die er laut deren Aussagen auch finanzierte, und ihrer Forderung, das Land zu föderalisieren, so schwenkte er Mitte Mai um und plädierte für die Einheit des Landes. Am Ende hassten ihn beide Seiten. Und die Separatisten äußerten die Idee, Achmetows Vermögenswerte zu nationalisieren.

Es geht um viel. Im Mischkonzern „System Capital Management“ beschäftigt Achmetow 300.000 Leute und kontrolliert die Hälfte des ukrainischen Kohle- und ein Drittel des Strommarktes.

 

Der große Aufsteiger

Nicht nur die Separatisten greifen nach Achmetows Leckerbissen. Auch seine Oligarchenkonkurrenten blasen zum Angriff. „Achmetow ist schon kein Oligarch mehr“, sagte einer von ihnen kürzlich im Fernsehen. Es war Igor Kolomojskyi, jener 51-jährige Multimilliardär, der sich bisher auch am direktesten mit Kremlchef Wladimir Putin angelegt und ihn einen „kleinen Schizophrenen“ genannt hatte, während er von diesem als übler Gauner bezeichnet worden war.

Kolomojskyi scheint durchzustarten wie nie. Während die Regierung etwa Steuern für Achmetows Erzsektor erhöhte, schlugen ähnliche Versuche für den Ölsektor, in dem Kolomojskyi tätig ist, fehl. „Der kolossale finanzielle Einfluss“ auf die Politik „erlaubt es ihm, der neuen Führung des Landes praktisch seine Spielregeln zu diktieren“, heißt es in einem Papier deutscher Nachrichtendienste, das der „Presse“ vorliegt: Demnach stelle sich Kolomojskyj auch gegen Verhandlungen mit den Separatisten und verfolge ihre Vernichtung.

 

Verschärfung alter Rivalitäten

Im Unterschied zu Achmetow finanziert er auch bewaffnete Verbände. Und er scheint Rache zu nehmen, weil er sich wegen Verwerfungen mit Janukowitsch zwei Jahre im Schweizer Exil hatte aufhalten müssen. Seit dem Umsturz ist er zurück und nun Gouverneur von Dnepropetrowsk – jener Stadt, aus der auch Timoschenko kommt. Von Dnepropetrowsk aus hatte Kolomojskyj sein Industrie- und Finanzkonglomerat namens „Privat-Group“ aufgebaut. Dort hatte er übrigens 2010 auch der AUA wegen eines Streits zwei Monate die Landerechte verwehrt. Dass er nun Achmetow enteignen will, sagt Kolomojskyj so nicht direkt. Aber es geht in die Richtung, wenn er für einen Gesetzesantrag lobbyiert, der vorsieht, die Betriebe jener Unternehmer zu nationalisieren, die die Separatisten unterstützt haben.

Es nimmt sich aus wie eine Verschärfung alter Rivalitäten zwischen den Machtzentren Donezk und Dnepropetrowsk, die immer schon um das Sagen im Land wetteiferten und Kiew ausbremsten. Nach der Orangen Revolution 2004 etwa hatte Timoschenko Achmetow den landesweit drittgrößten Konzern Kryworischstal entrissen.

 

Weitere Frontlinien

Dass Kolomojskyj auch mit Timoschenko zusammenzuspielen bereit ist, scheint klar. Timoschenko hat freilich noch andere Weggefährten. Nicht zuletzt Innenminister Arsen Awakow, der selbst zu den reichsten Ukrainern gehört. Auch Präsident Petro Poroschenko bleibt als Milliardär Teil des Oligarchensystems, wiewohl er nun seine Aktiva mithilfe der Bank Rothschild verkaufen will. Bezeichnend, dass er sich im Frühjahr die Unterstützung Dmitro Firtaschs sicherte, jenes Oligarchen, der sein Geld im Gaszwischenhandel mit Russland und der Chemieindustrie gemacht hatte und auf Antrag der USA heuer in Wien festgenommen worden war. Über ihre TV-Kanäle liefern sich Firtasch und Kolomojskyj eine Diskreditierungsschlacht. Am 11. August schließlich wurde Firtaschs ostukrainische Chemiefabrik „Stirol“ mit Raketenwerfern beschossen, die Geheimdienstinformationen zufolge ziemlich wahrscheinlich Kolomojskyjs Einheiten zuzuordnen sind.

Firtasch will sich Beobachtern zufolge im Energie- und Gasgeschäft halten und dürfe daher die Russen nicht vergraulen. „Jedenfalls“, so Ökonom Wladimir Dubrowskyj vom Kiewer Wirtschaftsforschungszentrums CASE Ukraine, „befindet auch er sich im Krieg mit Kolomojskyj“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)