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Wie pflügt man das Meer?

Roma in Ungarn und Österreich: Belege einer fortwährenden Vergangenheit. Über drei Nachrichten aus jüngster Zeit und die Familien-Spurensuche einer österreichischen Filmemacherin und Chronistin.

Drei Nachrichten aus jüngster Zeit. Erstens, dass beim größten Filmfestival Ungarns – in Miskolc, wo ein Zigeunerghetto einem neuen Fußballstadion weichen muss – die Situation der Roma ausgeblendet werden soll: Die Leitung des nach einer irischen Whiskeybrennerei benannten Jameson CineFest teilte der Produktionsfirma DunaDock im August mit, dass „zur Vermeidung politischer Konflikte und aus Sicherheitsgründen keine Filme mit dem Thema Roma“ gezeigt werden dürfen. Die Entscheidung wurde mit dem Hinweis auf die Kommunalwahlen begründet, die Mitte Oktober, einen Monat nach dem Festival, stattfinden werden. Die aussichtsreichsten Kandidaten sind mit rassistischen Äußerungen aufgefallen – der amtierende Bürgermeister, ?kos Kriza von der Regierungspartei Fidesz, ebenso wie seine Herausforderer Albert Pásztor, der von einem Bündnis sozialliberaler Parteien unterstützt wird, und Peter Jákab von der neonazistischen Jobbik. Als Polizeichef der Stadt hatte Páztor schon vor fünf Jahren erklärt, dass alle relevanten Straftaten in Miskolc, einschließlich der nicht aufgeklärten, von Zigeunern begangen würden.

Zweitens der Bericht von einer Demonstration in der Budapester Innenstadt, gegen die Politik der Regierung Viktor Orbán, organisiert von der oppositionellen Demokratischen Koalition. Während der Kundgebung Mitte Juli hielt Márton Gulyás von der Theatergruppe Krétakör ein Transparent in die Höhe: „Linke Lösung statt Zigeunerbeschimpfung!“ Gulyás' Mitdemonstranten fielen über ihn her, ohrfeigten ihn und zerfetzten das Transparent. Nachdem ihn Ordner aus der Menge gezerrt hatten, wurde er von Polizisten aufgefordert, sich auszuweisen. Der Journalist Gábor Kerényi kommentierte den Vorfall in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ in einer Mischung aus Ohnmacht und Empörung: „Offenbar ist es in Ungarn heute kaum mehr möglich, eine klare antirassistische Position zu beziehen. Wer das tut, muss mit Gewalt rechnen, und die Politik, die sich vor dem Hass der rassistischen Mehrheit schützen oder gar deren Stimmen gewinnen will, wird selbst rassistisch oder kokettiert zumindest mit dem Rassismus.“

Drittens das Gedenken von Auschwitz, am Jahrestag des 2. August 1944, an dem in Birkenau 2900 Roma ermordet wurden – die letzten, die zu diesem Zeitpunkt noch am Leben gewesen waren. Mehr als 17.000 waren schon in den Wochen und Monaten davor umgekommen. Anlässlich der diesjährigen Gedenkfeier erklärte Zoltán Balog, der Amtsinhaber des für Integration zuständigen ungarischen „Ministeriums für menschliche Kraftquellen“, eine übertriebene Opfermentalität erzeuge Schizophrenie wie im Fall der jüdischen Holocaustüberlebenden und ihrer Nachkommen. Die größte Tragödie für die Roma sei nicht so sehr der Holocaust, sondern dass sie ein Volk ohne Geschichte seien. Im Übrigen habe es gar keine Deportationen von Roma aus Ungarn in nazideutsche Vernichtungslager gegeben.

Die Geschichte findet keine Schüler


Das Roma-Pressezentrum – das auf der schwarzen Liste der Orbán-Regierung steht – veröffentlichte daraufhin Auszüge aus Berichten von Überlebenden, die im Herbst 1944 von ungarischen Gendarmen in Komárom, in der Festung Csillageröd, interniert, dann in deutsche Vernichtungslager deportiert worden waren. Diese Berichte sind schon vor 14 Jahren in einem Buch mit dem Titel „Porrajmos“ erschienen. „Porrajmos“ bezeichnet den deutschen Völkermord an den Roma. Wörtlich bedeutet es: das Verschlingen.

Die Geschichtslüge Balogs, eines studierten Theologen und calvinistischen Pastors, macht deutlich, wie gefährdet nicht nur die gegenwärtigen Lebensumstände, sondern auch die historischen Erfahrungen der Roma sind. Werden ihnen diese genommen, verlieren sie – um die bizarre Bezeichnung des ungarischen Ministeriums aufzunehmen – ihre letzte Kraftquelle; sie büßen Stolz und Selbstachtung ein und versuchen, in Vereinzelung zu überleben, das heißt, indem sie ihrer Identität entsagen.

Die ungarischen Verhältnisse sind auf das gegenwärtige Österreich nicht übertragbar. Das liegt weniger an der Bereitschaft hiesiger Instanzen, ihre negative Einstellung gegenüber den Roma von sich aus zu korrigieren, als an der Hartnäckigkeit, mit der österreichische Roma in den vergangenen 30 Jahren ihre kollektiven Interessen verfochten haben. Sie haben sich organisiert, Forderungen gestellt und – wie Rudolf Sarközi und der von ihm gegründete Kulturverein österreichischer Roma – die gesellschaftliche Ächtung durch Kontakte zur politischen und kulturellen Elite dieses Landes, also von oben herab, bekämpft. Dieser mit Professorentitel und Verdienstzeichen gepflasterte Weg durch die Institutionen ist in manchem kritikwürdig; ihn pauschal als eitles Anbiedern an die herrschende Klasse zu verdammen wäre angesichts der prekären Lage der Roma jedoch anmaßend und ungerecht.

Sarközi ist vor bald 70 Jahren im sogenannten Anhaltelager Lackenbach geboren, als Sohn einer burgenländischen Romni, die mit 17 Jahren aus der Ortschaft Unterschützen nach Ravensbrück deportiert worden war. Ihre Eltern sind im KZ Litzmannstadt, Łódž, umgekommen, ihre Brüder nach Mauthausen verschleppt worden. Nach der Befreiung kehrten die Überlebenden der Familie nach Unterschützen zurück, wo Rudolf Sarközi aufgewachsen ist. „Ich denke sehr gespalten an meine Kindheit und Jugendzeit in Unterschützen zurück.“ Trotz seiner bösen Erfahrungen ist Sarközi nicht verbittert, auch wenn ihn manchmal – etwa in Zusammenhang mit den perfiden Maßnahmen gegen Bettler – das Gefühl überkommen mag, sein Lebtag lang das Meer gepflügt zu haben. Im Herbst vergangenen Jahres allerdings veröffentlichte er im „Romano Kipo“, dem Organ des Kulturvereins, einen längeren Bericht über „Die Romasiedlung in Unterschützen“, dem anzumerken war, wie bedrohlich Sarközi eine Einstellung empfindet, bei der sich Geschichtsklitterung mit plumpem Kalkül paart.

Sein Zorn richtete sich gegen zweierlei: dass am Rand von Unterschützen zwei Häuser abgerissen wurden, weil sie als „Bruchbuden“ das Dorfbild beeinträchtigten, und dass ein politischer Mandatar – Vizbürgermeister Reinhard Jany (ÖVP) – behauptet hatte, die Häuser seien in der Nachkriegszeit für Flüchtlinge errichtet worden. Aber es waren Sarközi zufolge jene beiden Häuser, in denen die überlebenden Roma von Unterschützen – neun von 152 Deportierten – nach der Rückkehr aus den Konzentrationslagern gelebt hatten, und zwar in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Romasiedlung, die schon 1939 von Nazis zerstört worden war. Im Beschluss, sie abzureißen, erkannte Sarközi die Absicht, die Geschichte der Roma von Unterschützen auszulöschen. Dabei sind es – vom Naziverbrecher Tobias Portschy abgesehen – ausschließlich Roma, die den Namen der Ortschaft in die Welt hinausgetragen haben: Rudolf Sarközi selbst und die Musiker Hans Samer und Tony Wegas, der mit bürgerlichem Namen Anton Sarközi heißt.

Es liest sich wie eine vorweggenommene Widerlegung von Balogs Definition der Roma als Volk ohne Geschichte, wenn Sarközi darauf hinweist, dass der Aufenthalt seiner Familie auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes seit 1674 urkundlich beglaubigt ist. „Tobias Portschy wollte uns jedoch ausrotten. Die Roma von Unterschützen sollten einen Platz in der Chronik bekommen, denn wir waren und sind Bürger dieser Gemeinde. Unterschützen muss zur Wahrheit stehen, auch wenn es unangenehm ist. Unsere Eltern und Verwandte liegen zum großen Teil am Ortsfriedhof von Unterschützen.“ Aber selbst dieser Hinweis, und von so prominenter Seite, hat die Ortsbewohner bislang nicht veranlasst, der ehemaligen Nachbarn zu gedenken.

Der Kampf um die Erinnerung wird, wie man sieht, nicht gegen das Vergessen geführt, sondern gegen das Totschweigen. Marika Schmiedt führt ihn seit Langem, als Filmemacherin und als bildende Künstlerin. Dabei verstößt sie gegen die Konvention, reale Verfolgung für triviale oder mühsam ersonnene Fabeln zu nutzen. Schon in ihren Filmen „Roma Memento – Zukunft ungewiss?“ und „Eine lästige Gesellschaft“ hat sie sich der eigenen Familiengeschichte angenähert: ihrer Mutter Margit Schmiedt, die bei oft wechselnden Pflegeeltern aufwuchs, und ihrer Großmutter Amalia Horvath, die in Ravensbrück ermordet wurde. Für ihr neues Projekt mit dem Titel „Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit“ nimmt Schmiedt diese Spurensuche wieder auf und präsentiert das Ergebnis in einem notgedrungen lückenhaften Familienalbum über vier Generationen. Den meisten ihrer Vorfahren war kein natürlicher Tod beschieden. „Gestorben 1944 in Auschwitz.“ „Gestorben 1942 in Ravensbrück.“ „Gestorben 1940 in Buchenwald.“ „Schicksal unbekannt.“

Hass auf Roma = Hass auf die Armen


Abgesehen von Bildunterschriften, Transkriptionen schwer lesbarer Schriftstücke und knappen Erklärungen hat Schmiedt sich damit begnügt, die Dokumente chronologisch zu reihen: Fotos, Urkunden, Ansuchen, Gutachten, dazu einen Wust von Papieren aus Konzentrationslagern und von rassenhygienischen Instituten Nazideutschlands. Sie lässt die Materialsammlung für sich sprechen, vertraut also dem Vermögen der Leserinnen und Bildbetrachter, die Bruchstücke samt den Leerstellen aus den Biografien geschundener Menschen zu einem Ganzen zu fügen. Dafür braucht es Wissen und Fantasie. Weil sie auf beides baut, und wegen ihrer Kompromisslosigkeit, ist Marika Schmiedt eine eminent politische Künstlerin.

Der einzige Kommentar, den sie zulässt, stammt von Ingeborg Bachmann: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ Der resignative Satz steht fast am Schluss, vor dem letzten Eintrag, mit dem Schmiedt die Verfolgungsgeschichte in die Gegenwart und über ihre Familie hinaus zieht: mittels eines Berichts von Amnesty, vom April dieses Jahres, über die Diskriminierung von und den Hass auf Roma in vielen Ländern Europas. Er ist, was der Bericht nicht sagt, Hass auf die Armen.

„Was bleibt“ ist auch das Fragment einer Mutter-Tochter-Beziehung. Marika Schmiedt ist 1966 geboren, ihre Mutter, Jahrgang 1938, mit 72 Jahren an Leukämie verstorben. Oder an den Spätfolgen der seelischen Wunden, die sie in ihrer Kindheit erlitten hat. Die einzigen privaten Dokumente in diesem Album – ein paar Fotos, Briefe und schriftliche Anweisungen zur Hundebetreuung – stammen von ihr und von Maria Berger, einer Leidensgefährtin ihrer Mutter, die für Marika Schmiedt wohl wie eine Großmutter gewesen ist. So ungelenk die Briefe auch anmuten und so wenig sie preisgeben – man liest sie gespannt und voll Dankbarkeit, weil sich in ihnen, wie flüchtig auch immer, Menschen zu erkennen geben: für einmal mehr als nur Namen auf einer Effektenkarte, einem Personalbogen, einer Auskunftsdatei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)