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Die Glock' schlägt zwölf – oder auch nicht

Symbolbild
(c) Bilderbox

Das Läuten und Schlagen wird weniger, aber es behauptet sich erstaunlich: Über „sinnlose“ und doch liebe Hörgewohnheiten, das Mittagsläuten als Kampfgebet und den Stundenschlag als verbotenen „Arbeitslärm“.

Die einen fühlen sich nachts von Kuhglocken gestört, die anderen von Discolärm. Kafka fühlte sich gepeinigt vom Vogelgesang vor seinen Fenstern. Lärm ist unerwünschter Schall – und als solcher, wie uns ein Lexikon belehrt, „ein weitgehend psychologischer Begriff“.

In Europa wird das nächtliche Schlagen einer Kirchenglocke immer mehr zum unerwünschten Lärm. In Zürich, hieß es neuerdings, bleibt schon rund die Hälfte der Kirchenglocken nachts stumm: kein Stundenschlag zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr früh. Am Land gibt die Kirchenglocke der Nacht noch öfter den Takt vor, aber immerhin langsamer als früher: Der Viertelstundenschlag stirbt allerorten aus.

Glockenschlag (von außen mit Hammer) und Glockenläuten – das sind kulturell umkämpfte Töne, es gibt eigene Interessengemeinschaften gegen das Glockengeläut, die dieses offen als religiöse Machtdemonstration bekämpfen. Und es gibt Glocken-Verteidiger, die in jedem Zugeständnis einen Rückschlag für die christliche Leitkultur fürchten.

 

Die gute alte „Lautlandschaft“

Aber der Glockenklang in Österreich und anderswo hat bei Weitem nicht immer mit Religion zu tun. Dass sich zum Beispiel der profane Stundenschlag (und gar mancherorts der viertelstündliche) gegen alle „zeitgemäßen“ Geräusche so beharrlich hält, ist doch erstaunlich. So viele Glocken verkünden noch die Uhrzeit, obwohl die Menschen sie dafür seit Ewigkeiten nicht mehr brauchen. Das hat mit Nostalgie und Gewohnheit zu tun, vor allem auf dem Land. Man will die guten alten „Lautlandschaften“ der eigenen Kindheit erhalten, und der Glockenschlag gehört für viele heutige Erwachsene immer noch dazu.

Wer ihn nicht gewohnt ist, kann ihn als störend, ja bedrohlich empfinden, auch weil er das Verrinnen der Zeit verkündet. Auf andere wirkt der geruhsame, so regelmäßige nächtliche Stundenschlag im Gegenteil beruhigend, die Glocke wie eine behäbige, durch nichts aufzuregende Gesellschafterin, die die Stille nicht durchbricht, sondern betont. Vielleicht schwingen Ruhe und Unruhe auch gleichzeitig darin, wie in dem merkwürdigen Lied „Ammenuhr“ aus „Des Knaben Wunderhorn“. Jedem Stundenschlag von Mitternacht bis Morgen ist da ein Vers gewidmet, wie etwa „Gott alles weiß/das Mäuslein beißt/die Glock' schlägt ein/der Traum spielt auf den Kissen dein“ ... Das ist ein dunkles Schlaflied, der Rhythmus beruhigend, der Text bedrohlich. „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist nicht wieder gutzumachen“, heißt es in Kafkas Erzählung „Der Landarzt“. Kafka meinte keine Kirchenglocken, aber er könnte sie gemeint haben, sie treten in seinen Texten als unheimliche Signale mit rätselhafter Bedeutung auf.

„Signa“, Zeichen, nannte man auch in der frühen Kirchengeschichte auf Lateinisch die Werkzeuge, mit denen man zum Gottesdienst rief, oder auch „campanae“. Von Letzteren leitet sich das italienische Wort für Glocke ab. Aber lange Zeit wurden nicht Glocken, sondern hölzerne Schlagbretter oder metallene Platten verwendet, um zum Gottesdienst zu rufen. Glocken mit kultischer Bedeutung gab es schon in China, und in allen möglichen Kulturen, etwa dem tibetischen Buddhismus, stehen sie für die Kommunikation mit übersinnlichen Wesen oder den Übergang zu anderen Welten. In der Kirche verbreiteten sie sich durch keltischen Einfluss. Irische Missionare brachten im sechsten Jahrhundert die „clocc“ nach Europa, von der das Wort „Glocke“ kommt.

Was für ein bewundernswerter Klangkörper in den folgenden Jahrhunderten daraus wurde, sieht man daran, dass Form und Klang seit dem Spätmittelalter im Wesentlichen gleich geblieben sind. Als Friedrich Schiller sich als Nationaldichter etablieren wollte, fand er den Vorgang des Glockengießens einen besonders geeigneten Stoff, zu Recht, wie der Erfolg des „Lieds von der Glocke“ zeigte. Kein Geräusch der abendländischen Kultur konnte über so große Entfernungen hinweg gemeinschafts- und identitätsstiftend wirken wie das Glockenläuten.

 

Läuten zum Gebet gegen die Türken

So auch im 15. Jahrhundert, als die Ungarn gegen die Osmanen kämpften. Damals befahl Papst Kalixt III. in einer Bulle, dass Kirchenglocken mittags läuten sollten, um die Gläubigen zum Gebet für einen ungarischen Sieg aufzurufen.

Daraus entstand das den Österreichern immer noch so liebe Mittagsläuten. In der Sendung „Autofahrer unterwegs“ hat es sich bis 1999 gehalten, heute noch spielen Regionalsender zu Mittag das Glockenläuten diverser Kirchen ein. Der religionskriegerische Hintergrund ist vergessen, kein Wunder, er wurde auch in der Kirche rasch durch eine neue Bedeutung überlagert: Das Mittagsläuten ergänzte das bereits bestehende Morgen- und Abendläuten zur Trias des Angelusläutens, das wie der Ruf des Muezzins eigentlich ein Gebetsaufruf ist: Beim Angelusgebet soll der Menschwerdung Christi gedacht werden. Oft dachte man freilich an Profaneres. „Fressglocke“ nannte man in manchen Gegenden die Mittagsglocke, „Bierringerin“ die „Bierglocke“ im nördlichen Heidenturm des Stephansdoms, die das Ende des Bierausschanks anzeigte.

 

Glockenklang als „Lärmimmission“

So bedeutungsschwer sind Österreichs Glocken; und auch wenn das Glockengeläut hörbar seltener wird: Mindestens solange es Taufen, kirchliche Hochzeiten und Begräbnisse gibt, werden in Österreich Glocken läuten. Die Pummerin wird noch lange zu Silvester als „Österreichs Stimme“ erklingen. Und auch die Stundenglocken werden am Land noch lange schlagen, allein aus lieb gewordener Gewohnheit.

Noch lange wird die Stadtverwaltung per Zentralfunk dafür sorgen, dass die Wiener Kirchenglocken nicht Sommer- und Winterzeit verwechseln. Und die Gerichte werden noch lange jede Menge Klagen gegen das sakrale Glockengeläut abschmettern. Vom nicht sakralen nächtlichen Stundenschlag gestörte Österreicher haben noch eher eine Chance. Wenn diese „Lärmimmissionen“ zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens einen gewissen Pegel übersteigen, können sie verboten werden – als „Arbeitslärm in der Nachbarschaft“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)