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Österreichs Tschetschenen müssen selbst Verantwortung übernehmen

IRAQ CONFLICT BAGHDAD BOMBINGS
(c) APA/EPA/STRINGER
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Tschetschenischen Jugendlichen muss klargemacht werden, dass sie Schande über ihre Familien bringen, wenn sie mit den IS-Mördern in den Jihad ziehen.

Die Geschichte wiederholt sich, diesmal nicht als Farce, sondern als blutiger Splatter-Movie – noch grausamer, noch brutaler, noch entmenschter: Dem Islamischen Staat (IS) ist es gelungen, das Terrornetzwerk al-Qaida wie eine gemütliche Altherrenpartie aussehen zu lassen. Die neue Avantgarde des Jihadismus ist bis jetzt nicht durch ausgefeilte Attentate in Erscheinung getreten. Noch nicht. Die Erben Bin Ladens ziehen den direkten vormittelalterlichen Kampf vor: Sie köpfen, steinigen, kreuzigen und vergewaltigen.

Umso verstörender ist es, dass die bestialische Bande wie ein Magnet auf radikalisierte muslimische Jugendliche aus allen Ecken der Welt wirkt, auch aus Wien. Seit Jahren sehen die Behörden mehr oder minder fassungslos zu, wie hunderte junge Menschen aus Europa in den Krieg nach Syrien und in den Iran ziehen. Doch sie schauen zumindest hin: Es ist ein Erfolg, dass es österreichischen Sicherheitsbehörden nun gelungen ist, neun Tschetschenen auf dem Weg in den Jihad abzufangen. Schon klar: Polizeiliche Methoden allein werden nicht helfen, um das Übel an der Wurzel zu packen, doch sie sind unerlässlich, um Schlimmeres zu verhindern. Etliche Kämpfer kehren aus Syrien (und dem Irak) zurück, manche vielleicht geläutert, aber eben nicht alle. Sie könnten den Terror über kurz oder lang in Europas Städte tragen: nach Berlin, Brüssel, Paris oder auch nach Wien. Den Amerikanern hat der Islamische Staat nach den Luftangriffen auf seine Stellungen im Irak schon Vergeltung geschworen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich IS-Anhänger im Westen in die Luft sprengen.

Was also tun? Die Präventionsmaßnahmen fangen damit an, den Herausforderungen direkt ins Auge zu sehen. Österreich hat offensichtlich ein veritables Problem mit Teilen der hiesigen tschetschenischen Gemeinde. Mit Teilen, wohlgemerkt, nicht mit allen 25.000 Tschetschenen, die FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in dem ihm eigenen fahrlässigen Populismus nun samt und sonders überprüfen lassen will. Eine ganze Gruppe unter Pauschalverdacht zu stellen hilft nicht weiter. Das heizt nur die Stimmung auf und treibt die Ungefestigten erst recht in die Arme der Radikalen. Den jungen Tschetschenen muss jedoch klargemacht werden, dass sie Schande über ihre Familien und ihre Gemeinschaft bringen, wenn sie in ihrer fehlgeleiteten Suche nach religiös aufgeladener männlicher Kriegerehre an der Seite des Islamischen Staats auf großer Abenteuerfahrt in den Jihad fahren.

Die Verantwortung liegt zuallererst bei der abgeschotteten tschetschenischen Gemeinde selbst. Ihre Anführer (wo sind eigentlich die Galionsfiguren, die tschetschenischen Vorbilder für gelungene Integration?) müssten deutlicher als bisher gegen den Jihadismus auftreten, auch im öffentlichen Raum. Besorgtes Gemauschel hinter vorgehaltener Hand reicht nicht aus. Eine gezielte Aufklärungskampagne auf allen Kanälen wäre nötig: in Schulen, an Arbeitsplätzen, in Moscheen, Parks und sozialen Netzwerken. Idealerweise sollten geläuterte Jihadisten erzählen, wie es wirklich beim Islamischen Staat zugeht.

Für sie könnte eine Art Kronzeugenregelung gelten. Aussteiger, die sich aktiv im Aufklärungskampf engagieren, sollten straffrei bleiben. Die Aberkennung des Flüchtlingsstatus funktioniert ohnedies nicht ganz so einfach, wie sich das die Innenministerin denkt. Es stellt sich vor allem die Frage, wohin die Jihadisten abgeschoben werden sollen. Erstens wird sie freiwillig kein Land so schnell aufnehmen, zweitens könnte ihnen in ihrem Herkunftsland Folter oder Schlimmeres drohen.


Doch gutes Zureden allein wird nicht viel nützen. Der österreichische Staat tut gut daran, Härte zu signalisieren und abzuschrecken. Mit Strafen sollte künftig auch rechnen, wer die Ideologie der Jihadisten im Internet verbreitet. Die Meinungsfreiheit muss enden, wo Menschenverachtung und mörderische Gesinnung beginnen. Doch bei all den Maßnahmen sollten wir auch versuchen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Im sogenannten Krieg gegen den Terror wurde allzu oft auch übers Ziel geschossen. Und zwar, ohne das Problem zu lösen, wie man jetzt sieht.

E-Mails an:christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)