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„Die US-Luftschläge brachten die Wende im Kampf gegen IS“

Kurdish Peshmerga forces
(c) REUTERS (YOUSSEF BOUDLAL)
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Hiwa Bahrami, iranischer Kurdenvertreter, berichtet aus Nordirak, dass auch Truppen des iranischen Regimes im Irak gegen IS kämpfen.

Die Presse: Wie ist die Lage in Erbil und im Nordirak derzeit?

Hiwa Bahrami: Ich bin seit Ende Juli hier und habe den Vormarsch der IS-Truppen auf Erbil erlebt. Anfang August war die Lage kritisch. Ich hatte den Eindruck, dass man dem IS nicht mehr lange Widerstand hätte leisten können, die Jihadisten waren viel besser ausgerüstet. Sie hatten von der Armee Artillerie erbeutet, dagegen kann man nicht mit Kalaschnikows ankämpfen. Am Ende waren sie nur mehr 30 km von Erbil entfernt, als die USA beschlossen, Kampfjets einzusetzen. Das war die Wende. Und mit Hilfe der Waffen, die uns die USA und europäische Staaten geschickt haben, konnten wir die IS-Truppen zurückschlagen.

Die Jihadisten scheinen nicht nur gut ausgerüstet zu sein, sie wirken militärisch auch überraschend professionell.

Ja, das sind nicht nur Radikalislamisten aus der ganzen Welt, da sind auch tausende ehemalige Angehörige der Baath-Partei dabei, Offiziere aus der Zeit Saddam Husseins, die sich dem IS angeschlossen haben. Die durchschnittlichen IS-Kämpfer könnten ja gar nicht mit Artillerie oder moderner Militärtechnologie umgehen.

Kann der IS rein militärisch besiegt werden?

IS unterscheidet sich von allen anderen islamistischen Gruppen, die wir kennen, etwa al-Qaida. Die haben an einzelnen Orten zugeschlagen und sind dann wieder verschwunden. IS aber will am Boden gewinnen, sie wollen sich dauerhaft festsetzen, deshalb haben sie auch dieses Kalifat ausgerufen. Sie werden also bis zum Ende kämpfen. IS hat unter lokalen Sunniten große Unterstützung, bei allen, die sich in den letzten Jahren benachteiligt fühlten. Als die Peschmerga Dörfer zurückeroberten, haben sie viele Männer in Zivilkleidung entdeckt, die für IS gekämpft hatten.

Aber wie kann man einen Keil zwischen diese Leute und die Islamisten treiben?

Was in nächsten Tagen und Wochen in Bagdad passiert, ist extrem wichtig. Wobei man wohl Jahre brauchen wird, um den Schaden, den der scheidende Premier Nuri al-Maliki angerichtet hat, zu reparieren. Das betrifft nicht nur die Sunniten, das betrifft auch die Kurden. Die Kurdenregion hat sechs bis acht Monate kein Budget bekommen, die Menschen hier bekamen kein Gehalt mehr.

Es gibt Berichte, dass iranische Revolutionsgarden bereits im Irak sind, um gegen IS zu kämpfen. Können Sie das bestätigen?

Soweit wir wissen, sind 2000 bis 2500 Revolutionsgardisten im Irak im Einsatz, sie haben auch schwere Waffen. Nachdem wir (kurdischen Kämpfer aus dem Iran; Anm.) vom kurdischen Verteidigungsministerium gebeten worden sind, uns an den Kämpfen gegen den IS zu beteiligen, sind wir mit gemischten Gefühlen hingegangen. Unsere Peschmerga mussten aufpassen, nicht auch von iranischen Truppen angegriffen zu werden. Es gab viel Druck von iranischer Seite auf die kurdische Regierung, dass unsere Truppen zurückgezogen werden, und die Regierung hat letztlich nachgegeben.

Kann der gemeinsame Feind IS zu einer Annäherung zwischen der Regierung in Teheran und den iranischen Kurden führen?

Nein, dazu wird es nicht kommen. Wir glauben, dass es dem iranischen Regime nur darum geht, die schiitische Regierung in Bagdad zu retten. Teheran versucht, von der Umbruchsituation im Irak möglichst stark zu profitieren. Der Iran unterstützt den IS zwar nicht, ist aber auch nicht dessen großer Feind. In kurdischen Städten im Iran laufen seit Tagen Propaganda-Aktionen für den IS, man sieht dort Leute mit der IS-Flagge, aber die Sicherheitskräfte unternehmen nichts und lassen sie gewähren.

Ist der Irak mittelfristig als Staat zu erhalten? Oder geht der Zug unumkehrbar in Richtung eines Kurdenstaates im Nordirak?

Ich habe den Eindruck, dass es noch etwas zu früh ist für einen solchen Staat. Würde man ihn ausrufen, hätte man schwere Probleme mit Staaten wie dem Iran, die total dagegen sind, aber auch mit Syrien und, in geringerem Ausmaß, mit der Türkei. Derzeit sind wir mit dem Kampf gegen IS beschäftigt, da können wir gleichzeitig nicht Widerstand gegen den Iran leisten. Die Zeit ist wohl noch nicht reif. Momentan scheinen sich die Kurden im Irak mit einem stärkeren Mitspracherecht in Bagdad zufrieden zu geben.

ZUR PERSON

Hiwa Bahrami ist Repräsentant der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDKI) für Österreich. Die Partei, die auch über einen bewaffneten Arm verfügt, ist im Untergrund gegen das iranische Regime tätig. Auf Ersuchen der kurdischen Regionalregierung im Nordirak ist die PDKI auch an den Kämpfen gegen den Islamischen Staat beteiligt. [ Bruckberger ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)