Am deutschen Leitmedium „Der Spiegel“ zeigt sich, wie verwirrend selbst Teilfusionen von Print und Online sein können. Die Belegschaft probte den Aufstand gegen ihren Chef.
Seltsame Tage durchleben die Macher des Magazins „Der Spiegel“. Das Misstrauen der Print-Redakteure gegen den zur Radikalkur neigenden Chefredakteur Wolfgang Büchner verlief sich Freitagnacht überraschend im Kompromiss: Die drei Gesellschaftergruppen, von denen die Mitarbeiter-KG 50,5 Prozent der Anteile hält, haben sich darauf geeinigt, das Projekt der Chefredaktion (Spiegel 3.0) zu unterstützen. Print und Online sollen enger verknüpft werden. Man nehme aber die Sorgen der Redaktion ernst, hieß es.
Noch am Nachmittag hatte es ganz anders geklungen, als die Belegschaft auf einer Unterschriftenliste dafür votierte, die Fusionspläne derzeit abzulehnen. Angeblich weit mehr als 80 Prozent der 270 Redakteure unterschrieben diesen Misstrauensantrag – ein eindeutiger Auftrag an die Mitarbeiter-KG, eine Kriegserklärung an den Chef, der zuvor mit der Ankündigung scharf geschossen hatte, alle Ressortleiterposten neu auszuschreiben. Künftig sollte jeder dieser Subchefs für die gedruckte wie auch für die elektronische Ausgabe zuständig sein.
Die Mitarbeiter-KG aber, die zuvor ihren Mitgliedern versprochen hatte, alle Vorschläge genau zu prüfen und nicht voreilig zu entscheiden, fiel offensichtlich am Freitag um. Sie hat mit den Eignern des Verlags Gruner + Jahr sowie den Augstein-Erben (die 25,5 bzw. 24 Prozent der Anteile halten) votiert. Eine Nichtberücksichtigung der Pläne sei so gravierend, dass sie zu „massiven Schäden für den Spiegel-Verlag“ führen würde, warnte der Betriebsrat.
Fast reif zur Ablöse. Der Chef, der fast schon ein Ex war, und Geschäftsführer Ove Saffe, der seine Pläne gutheißt, haben also Zeit gewonnen. Es wird ihnen nicht erspart bleiben, die Redaktion von der Reform zu überzeugen. Büchner, der erst im September 2013 vom Chefsessel der Nachrichtenagentur dpa in den des Spiegel gewechselt war, ist bei dessen Printbelegschaft von Anfang an auf Ablehnung gestoßen. Die meisten kennen ihn aus der Zeit, als er 2008/9 Spiegel Online leitete. Man traut ihm das Blattmachen nicht zu. Die Situation eskalierte, als er Nikolaus Blome vom Massenblatt „Bild“ holte, der boulevardesken Schwung bringen sollte. Ausgerechnet einer von der Springer-Presse! Nur über Umwege konnte Büchner ihn als Führungskraft installieren. Die Redaktion leistete weiter Widerstand. Im Sommer gingen drei Ressortleiter zu Saffe und erklärten, man könne mit dem neuen Chef nicht. Nur fast alle Online-Redakteure (die keine Teilhaber sind) waren zumindest für Büchners Konzept.
Zickzack-Zicken exklusiv in Hamburg? Nein. Fortwursteln mit halb garen Fusionsplänen betrifft inzwischen fast alle Verlage. Büchners Vorgänger Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron sind an Onlinestrategien gescheitert. Dem „Spiegel“ geht es in der Branche noch vergleichsweise gut, selbst wenn er mit stark schrumpfenden Gewinnen und Anzeigenumsätzen sowie sinkender Printauflage umzugehen lernen muss. 874.000 verkaufte Exemplare waren es beim größten deutschen Magazin im zweiten Quartal 2014. Bis 2009 lag man regelmäßig bei über einer Million. Die Online-Abos machen immerhin bereits mehr als 50.000 Stück aus. Damit aber kann man noch lange nicht ein Flaggschiff des deutschen Journalismus retten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)