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Das Jahr der wilden Beeren

Berberitze
BerberitzeUte Woltron
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Die Berberitze ist eine der interessantesten Beeren der freien Wildbahn. Schwammerlsuchern wird geraten, sicherheitshalber auch ein Säckchen für Früchte mit in den Wald zu nehmen, denn glücklich darf sich preisen, wer sie findet.

Nach einem schwächelnden Sommer, der sich vom Krankenlager nie wirklich erheben wollte, kommt erstaunlich zeitig der Frühherbst über uns. Die Holunderbeeren tragen bereits Schwarz. Die Kornelkirschen werden rot. Spinnen lassen ihre Altweiberfäden fliegen. Laut Phänologischem Kalender, der das Jahr anhand von Zeigerpflanzen und deren Reifezustand in zehn Jahreszeiten teilt, ist damit der Spätsommer vorbei. Ein Hauch von Wehmut kommt auf. Doch die reichen Regengüsse der vergangenen Wochen und Monate bewirkten auch ihr Gutes– und wo auch immer das Erfreuliche zu finden ist: Wir ergreifen es mit beiden Händen.

Pensionisten und Frühaufsteher beispielsweise jagen derzeit in den Morgenstunden und in eifersüchtig konkurrierenden Rudeln in den Wäldern nach dem Glück des Augenblicks: Mit gut gefüllten Körben kehren sie vom Schwammerlsuchen wieder, wenn andere erst nachtblind nach der Kaffeemaschine tappen. Wo sie denn gewesen seien? Diese Frage stellen nur Anfänger. Jedes Landkind weiß doch, dass die exakten Koordinaten wirklich guter Schwammerlplätze tabu sind. Sie werden vererbt oder widerwillig durch Einheirat in Schwammerlsucherclans bekannt gegeben. „Oh“, antworten die Schwerbeladenen ausweichend auf die törichte Frage und blicken die fernen Berggipfel am Horizont entlang, „wir waren im Wald...“

Früchte und Dornen.
Auch die Nachbarn haben derzeit verdächtig leuchtende Augen und noch zerkratztere Extremitäten als sonst. Sie huschen seit Tagen zwischen dem nahe gelegenen Forst und ihrer Küche hin und her wie Eichkätzchen, die von der bevorstehenden Ankunft des Winters nicht überrascht werden wollen. Pilze pflegten sie in der Vergangenheit mit uns, den Nachbarn, zu teilen. Bis dato haben sie jedoch noch kein einziges Schwammerl herausgerückt. Es muss sich also um andere, kostbarere Beute handeln. Seit die Nachbarin so nebenbei die Frage stellte, ob ich denn noch leere Marmeladegläser übrig habe, im besten Fall eher kleine, ist die Sachlage klar: Sie haben irgendeinen besonderen Beerenschlag entdeckt.

Mittlerweile haben sie das auch zugegeben und nach einigem Zögern und abverlangtem Eid der absoluten Geheimhaltung die Koordinaten preisgegeben. Es handelt sich in der Tat um einen außergewöhnlich reichen Brombeerschlag, um eine Art Klondike der wilden Beeren. Wir werden noch viel mehr Marmeladegläser besorgen müssen. Denn nicht nur die Brombeeren sind so gut gediehen wie nur sehr selten zuvor. Die Nachbarn haben mit einem reizenden Berberitzenwäldchen auch gleich noch einen weiteren Hort der Köstlichkeiten gefunden. Eindeutig– 2014 wird als das Jahr der wilden Beeren in die Marmeladegeschichte eingehen.

Die Berberitze, auch Sauerdorn genannt, ist in Ackerbaugebieten selten geworden, seit man sie vor Jahrzehnten als Wirtin des Getreideschwarzrostes, eines Pilzes, identifiziert hat. Sie wurde großteils abgeholzt. Ihre kleinen, länglichen, korallenroten Früchte zählen indes zum Interessantesten, was die freie Natur an Obst zu bieten hat. Einerseits gelten Berberitzen als sehr gesund und vitaminreich. Andererseits schmecken sie großartig. Sie sind offenbar einigermaßen pektinreich, was das Einkochen mit anderen Früchten einfach macht. Ein Pfirsichgelee etwa kommt mit dazugerührten Berberitzen ohne Gelierzucker aus und bekommt eine formidable säuerliche Komponente.

Sollten Sie die sauren Winzlinge ernten wollen, so pflücken Sie strikt nur die wilde Berberis vulgaris und rebeln sie säuberlich ab. Alles andere am Strauch ist unbekömmlich, und auch die Beeren mancher Zierberberitzen sollen giftig sein. Die Früchte der Gewöhnlichen Berberitze hingegen galten immer schon als Delikatesse. In getrockneter Form sind sie eine elementare Zutat der orientalischen Küche. Henry David Thoreau wusste in seinen zwei einsamen Jahren in der Waldhütte damit zwar nichts anzufangen: „Der Berberitze gleißende Frucht diente nur meinen Augen als Nahrung.“ Doch möglicherweise hatte Rainer Maria Rilke unter anderem Berberitzenmarmelade im Sinn, als er den Abschied vom Sommer in zartsaure Verse goss: „Jetzt reifen schon die roten Berberitzen, alternde Astern atmen schwach im Beet. Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht, wird immer warten und sich nie besitzen.“

Wir warten keineswegs. Wir fühlen uns reich. Wir befinden uns im Vollbesitz unser selbst – und nicht nur das: Wir greifen mit beiden Händen nach dem Erfreulichen und hantieren mit Kochlöffeln, Einkochgläsern und Dörrgeräten. Wir eilen zwischen Wald und Küche hin und her. Auf den Frühherbst folgen nur noch Voll- und Spätherbst. Dann kommt der Winter. Aber auch das nur vorübergehend.

Lexikon

Berberis vulgaris.
Die Berberitze ist ein heimischer, höchstens drei Meter hoher Strauch. Sie wächst gern an lichten Waldrändern und bevorzugt kalkige, eher trockene Regionen.

Heilpflanze.
Neben Vitamin C und Kalium sollen der Berberitzenbeere noch allerlei weitere gesundheitsfördernde Stoffe innewohnen, weshalb sie die Volksmedizin von Europa bis Indien als Heilpflanze preist. Bis auf die korallenroten Früchte ist die Berberitze jedoch in allen Teilen giftig!

Holz.
Das Berberitzenholz ist exquisit und bei Kunsttischlern begehrt, denn es ist – Überraschung!– knallgelb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)