Die Aktionärspanik wegen der Ukraine-Krise hat ein paar Aktien weit unter ihren echten Wert fallen lassen.
Als am vergangenen Freitag die ersten Lkw des russischen „Hilfskonvois“ die ukrainische Grenze überquerten, tauchten DAX und ATX in Sekundenschnelle kräftig ab, ehe sie sich wieder fingen. Ein Hinweis darauf, wie sensibel gerade europäische Aktien auf Ereignisse in dieser derzeit kritischen Weltregion reagieren.
Panik ist allerdings kein guter Ratgeber. Einige Aktien haben bisher auf den Konflikt nämlich viel zu heftig reagiert – und sind deshalb zu ausgesprochenen „Schnäppchen“ mutiert. Hier könnte sich der alte Börsenkalauer, wonach es sehr ertragreich sein kann, zu kaufen, wenn die Kanonen donnern, als ausgesprochene Ertragsformel herausstellen.
Aber Vorsicht: Hohe Ertragschancen sind immer mit hohem Risiko verbunden. Wer also kein „Spielkapital“ hat, dessen Verlust er notfalls verschmerzen kann, und wer nicht aktiv handelt (bei Trenddrehung also beherzt verkauft), hat in diesem Segment nichts zu suchen. Zum „Aussitzen“ sind solche Papiere nicht geeignet.
Man hat das sehr schön bei der „Presse am Sonntag“-Empfehlung Sberbank (ISIN US80585Y3080) gesehen, deren Kurs zuerst hochschoss, danach ins Bodenlose fiel und jetzt beinahe wieder auf die Ausgangsbasis zurückgefunden hat. Der Sberbank-Kurs reagiert sehr sensibel auf jede Entwicklung an der „Sanktionsfront“, obwohl die Bank davon viel weniger betroffen ist, als viele Aktionäre meinen: Der weitaus überwiegende Teil der Sberbank-Erträge (deutlich mehr als 90 Prozent) stammt aus Russland selbst und ist damit vom Sanktionsreigen nur indirekt betroffen. Entsprechend gut sind auch weiterhin die Gewinnprognosen für das größte russische Bankhaus. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt derzeit unter fünf, womit die Bewertung nach klassischen Kriterien ein schlechter Witz ist. Hier tut sich Potenzial ohne Ende auf – vorausgesetzt natürlich, die Ukraine-Krise eskaliert nicht dramatisch. Sehr hohe Chance bei sehr hohem Risiko also – ein Klassiker.
Ähnlich sieht es beim derzeit ebenfalls weit unter seinem Wert geschlagenen österreichischen Ölfeldausrüster C.A.T. Oil (ISIN AT0000A00Y78) aus: Der macht den Großteil seines Geschäfts in Russland, merkt aber nach Eigenangaben nicht allzu viel von den Sanktionen – und hält deshalb an seinen Ertragsprognosen fest. Ist ja auch nicht unlogisch: So verbohrt sind die Russen auch wieder nicht, dass sie Equipment für ihre wichtigste Deviseneinnahmequelle auf die Sanktionsliste setzen und sich damit sozusagen selbst sanktionieren.
Die Aktie ist derzeit klar unterbewertet und sieht nach einem (wegen der Ukraine-Risken allerdings riskanten) Kauf aus. Goldman Sachs hat das Kursziel erst am Freitag auf 22,7 Euro gehoben. Das ergibt bei einem aktuellen Kurs von 16,40 Euro ein wirklich enormes Potenzial. JU
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)