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Salzburger Festspiele: Eine Uraufführung wie aus dem Repertoire

Tzimon Barto
Tzimon BartoEPA
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Tzimon Barto brilliert mit dem zweiten Klavierkonzert von Wolfgang Rihm, umsichtig begleitet vom Mahler-Jugendorchester und Christoph Eschenbach. Deren 7. Bruckner mangelte es an Leben.

Da ist Tzimon Barto kein kleines Kunststück gelungen: Eine Uraufführung so bezwingend zu spielen, dass man meint, der Pianist hätte Wolfgang Rihms zweites Klavierkonzert bereits seit mindestens zehn Jahren im Repertoire. Mit der allergrößten Natürlichkeit bewegt er sich durch Rihms fein gewobenes Geflecht aus Solostimme und oft kammermusikalisch reduziertem Orchesterpart, der dem Mahler-Jugendorchester unter Christoph Eschenbach anvertraut war. Wobei der Komponist es Musikern und Publikum nicht über Gebühr schwer macht, sich in dem Werk gleich heimisch zu fühlen: Leicht fassliche Linien, keine Scheu vor Terzen und Sexten, und der zweite Satz, „Rondo: Allegro ma non troppo“ überschrieben, schöpft auf eine so durchdachte wie spielerische Weise aus dem reichen Fundus der Gattung (Beethoven evozierende Trillerfolgen etwa) – und bleibt dabei doch ganz Rihm.

Das eröffnende Andante cantabile ist ganz dialogisch gehalten, aber nicht als Streit divergierender Ansichten, sondern mehr als gewitzt-gepflegte Konversation von Leuten, die grundsätzlich einmal einer Meinung sind, kaum, dass jemand kurz die Contenance und sich selbst ins Forte verlöre. Die Lautstärke bewegt sich durchwegs im verhaltenen Bereich, der Zuhörer muss sich schon selbst um die Töne bemühen, was der Hörintensität nur förderlich ist. Barto phrasiert so plastisch, als wäre den Noten ein Text unterlegt, den er ausdeutet, Eschenbach und das Orchester lassen sich davon gern anstecken.

 

Nichts flirrt, nichts erblüht

Sanguinischer geht es im Rondo zu, mit seinen vorwitzigen Wendungen und aberwitzigen Läufen. Auch wenn der einsame Schlusston des Klaviers, getupft auf einen flauschigen Streicherteppich, wie der Punkt eines Fragezeichens wirkt: Es ist ein helles, lichtdurchflutetes Stück, der präzis-konturierende Zugriff des Dirigenten passt da vortrefflich. Gut, dass Eschenbach Transparenz so betont.

Und schade, dass Eschenbach Transparenz so betont, denn wie die nach der Pause folgende siebte Symphonie Anton Bruckners zeigte, kann es davon durchaus auch zu viel geben. Nicht jedem Patienten bekommt jedes Medikament gleich, und das akribisch, manchmal fast pedantische Ausbuchstabieren von allem und jedem hat hier eher geschadet. Schon der Beginn bleibt in der Prosa stecken. Wie zauberhaft könnte dieses erste Thema aus dem morgendämmerungsgleichen Flirren der Violinen erblühen! Doch man hört nur: ein Streichertremolo, und dann das Thema. Nichts flirrt, nichts erblüht.

Mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail und oft herrlich abgemischten Farben bleibt Eschenbach doch zu sehr eben genau dem Detail verhaftet. Dass diese schön modellierten Elemente nicht so recht ein Ganzes ergeben – wie bei einem Fließenleger, der erst verfugen muss –, lag auch an den gemessenen Tempi. Das Allegro moderato kam kaum vom Fleck und konnte keinen Sog entwickeln, das Scherzo war nicht „schnell“, schon gar nicht „sehr“, erst im Finale, das anhob, als mancher Dirigentenkollege womöglich mit der ganzen Symphonie fast fertig gewesen wäre, fand Eschenbach zu einer flüssigen, lebendigen Deutung. Man hat an diesem Abend mit dem hoch motivierten Mahler-Orchester vielleicht die meisten Töne dieser Siebten Bruckner gehört, aber das ist noch nicht gleichbedeutend mit der Siebten Bruckner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2014)