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Nach einem Erdbeben starb Mao Zedong

Die chinesischen Machthaber haben derzeit vor allem ein kosmologisches Problem: Der Himmel scheint ihnen das Mandat zu entziehen.

Das katastrophale Erdbeben, das am 12. Mai China erschütterte, ereignete sich um 14 Uhr 28. 18 Minuten später wurde die Nachricht durch die Xinhua Nachrichtenagentur in China und der Welt bekannt gemacht. Während der landesweit ausgestrahlten Nachrichten des chinesischen Fernsehens wurden am selben Tag um 19 Uhr 22 erstmals Bilder von der Lage vor Ort gezeigt. In China und in der ganzen Welt wird dies als Beginn einer neuen Epoche begriffen und diskutiert. Das chinesischsprachige Internet ist dementsprechend voll von Beiträgen, die zu erklären versuchen, wie es zu diesem Sinneswandel seitens der Regierung in Peking kam.

Dabei steht der augenfällige Unterschied zu Pekings Reaktion auf die Unruhen in Tibet im Vordergrund. Die Regierung habe an diesem Beispiel schnell gelernt, dass die mediale Aufarbeitung eines Ereignisses von größter Bedeutung sei und dass die wahrheitsgemäße und rasche Information der Öffentlichkeit ihr nur zum Vorteil gereiche. Das Desaster der chinesischen Pressepolitik während der Tibet-Unruhen sollte sich nicht wiederholen.

 

Wandlungsbereit – bei innerer Gefahr

In der Tat hat die Regierung der VR China wieder einmal unter Beweis gestellt, dass sie durchaus in der Lage ist, auch fest gefahrene Dogmen innerhalb kürzester Zeit umzuwerfen. Allerdings tut sie dies nur, wenn Gefahr im Verzug ist.

Interessanterweise greifen chinesische Kommentatoren nicht das in der westlichen Presse viel wiederholte Argument auf, die Situation in Myanmar könnte der chinesischen Regierung ein warnendes Beispiel gewesen sein. Denn, auch das haben wir während der Tibet-Krise erfahren: Die chinesische Regierung reagiert in erster Linie auf Erfordernisse der innenpolitischen Stabilität. Der Druck der Weltöffentlichkeit spielt eine untergeordnete Rolle. Implizit ist dieser Aspekt auch in der chinesischen Presse zu finden.

So wird berichtet, der Umgang Pekings mit der Lage im Katastrophengebiet habe zu einer erneuten Solidarisierung der Bevölkerung auch der nicht betroffenen Regionen mit der Pekinger Führung geführt. Die Tatsache, dass Premierminister Wen Jiabao innerhalb weniger Stunden nach dem Erdbeben bereits vor Ort war, dass die Armee sofort eingriff, dass keine Mühen und Kosten gescheut werden, um die Situation der Überlebenden zu erleichtern: All das wird von der Bevölkerung als Zeichen dafür gewertet, dass die augenblickliche Pekinger Führung auf ihre Wünsche und Bedürfnisse effizient reagiert. Offenbar ist dies zurzeit keine Selbstverständlichkeit. Auch wird hervorgehoben, dass die Unternehmen und Reichen in China nun die Gelegenheit nutzten, um Geld zu spenden und damit ihre Orientierung am Gemeinwohl unter Beweis zu stellen.

 

Utopischer Sozialismus macht sich breit

Sie stehen wohl auch unter Druck, ihr Ansehen in der Bevölkerung zu verbessern. Die Schere zwischen arm und reich geht in China immer weiter auseinander. Der Sozialismus als Garant für Gleichheit macht sich als Utopie wieder breit im Angesicht skrupelloser Ausbeutung und hemmungslosen Neureichentums. Die konfuzianische Tugend der Fürsorge für das Volk wird von der Regierung seit langem beschworen. Jetzt kann sie sich einmal als Realität erweisen. Warum sollte darüber die Presse nicht ungehindert berichten können?

Das eigentliche Problem der chinesischen Regierung, dem sie durch ihren plötzlichen Sinneswandel entgegenzuwirken trachtet, ist jedoch ein ganz anderes. Es ist in der Kosmologie der traditionellen politischen Kultur in China verwurzelt. Das Jahr 2008 sollte demnach ein Jahr des Erfolgs, des Friedens und der Freude werden. Acht ist eine Glückszahl. Die Olympischen Spiele sollten am 8. August, am glückreichsten Tag des Jahres 2008, beginnen und zum Höhepunkt vieljähriger Anstrengungen geraten. Doch im Umkreis des chinesischen Neujahrs gab es erste Zeichen des Himmels, die diese Erwartungen trübten: die Schneekatastrophe im Süden Chinas. Wenig später Unruhen in Tibet. Nun das schreckliche Erdbeben.

 

Düstere Omen im Jahr des Glücks

Traditionell stützt sich der Herrscher auf ein Mandat des Himmels, das er jederzeit verwirken kann. Der Himmel verleiht das Mandat und entzieht es, indem er Zeichen gibt. Das Jahr 1976, das letzte, in dem es zu einem Erdbeben ähnlichen Ausmaßes wie dieses Jahr in Sichuan kam, war ein Jahr großer politischer Veränderungen. Im September starb Mao Zedong, im Oktober erfolgte der Sturz der sogenannten Viererbande um die Mao Witwe Jiang Qing. Im Juli 1976 war ein Artikel in der chinesischen Presse erschienen, der den Lesern die Sprache verschlug. Er trug den Titel: Erdbeben sind keine Omen für politische Veränderungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2008)