Die US-Sonde „Phoenix“ ist sanft aufgesetzt. Nun soll sie Analysedaten an die Erde senden. Die Hoffnung, die geschürt wird: Man könnte Indizien finden, dass es flüssiges Wasser auf dem Mars gab oder gar noch gibt – und damit Leben möglich wäre.
Unser Ziel ist es, Städte auf dem Mond zu errichten und womöglich Reifenspuren auf dem Mars zu hinterlassen.“ Das erklärte Rick Gilbrech von der US-Raumfahrtbehörde Nasa im Dezember 2007 – ganz im Sinne seines obersten Chefs: US-Präsident George W.Bush hat die Nasa immer wieder aufgefordert, sich doch auf bemannte Mond- und Mars-Missionen zu konzentrieren. Seine Berater sollten ihm wohl erklären, dass da ein kleiner Unterschied besteht: Der Mond ist mindestens 360.000 Kilometer von uns entfernt, der Mars mindestens 55 Millionen Kilometer.
Bush ist nicht der einzige Mars-Freund unter den Staatenlenkern. Sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy fand vor kurzem ein simples Argument für die Erforschung des Mars: „Weil es ihn gibt.“ Er plädiert für eine gemeinsame Initiative von Europa, USA und Russland, koordinieren solle es die EU und die europäische Raumfahrtsbehörde ESA.
Da wird es seitens der Nasa-wohl Bedenken geben... Diese rudert jedenfalls, zumindest was bemannte Mars-Expeditionen anbelangt, allmählich zurück: 1994 wurde die erste Landung eines Menschen auf dem kalten Nachbarplaneten noch fürs Jahr 2008 (!) avisiert, heute ist von „frühestens 2030“ die Rede. Wobei die meisten Nasa-Zukunftsdenker damit rechnen, dass der Brennstoff für die Rückreise erst auf dem Mars erzeugt werden wird. Wie man aus dem typischen Verbrennungsprodukt Kohlendioxid – das 95 Prozent der Mars-Atmosphäre ausmacht – Brennstoff gewinnen könne, darüber grassieren eher fantastische Ideen. Ähnlich abstrus klingen die Szenarien für eine dauerhafte „Colonisation“ des Mars.
Das Argument, mit dem die Nasa seit jeher – und auch diesmal – für die Erforschung des Mars wirbt, ist die Annahme, dort könnte sich irgendwann einmal Leben entwickelt haben. Die Analysen-Instrumente auf „Phoenix“ sind freilich kaum auf direkte „Tests auf Leben“ ausgerichtet. Sie können bestenfalls prüfen, ob auf dem Mars zumindest zeitweise eine Voraussetzung für Leben existiert hat: flüssiges Wasser. Wassereis gibt es im Marsboden, das weiß man. Aber die Spuren von flüssigem Wasser, von denen die Nasa berichtete, waren stets umstritten. Dass Oberflächenstrukturen aussehen „wie ausgetrocknete Flüsse“, ist kein überzeugendes Argument. Kurz vor der „Phoenix“-Landung, hieß es, der Rover „Spirit“ – der schon über drei Jahre auf dem Mars herumfährt – habe Anzeichen von Wasser gefunden: in Form von reinem Quarz. Dieser könne nur entstehen, wenn heißes Wasser mit Gestein reagiere.
Der größte Hype war 1996
Am meisten Aufregung herrschte 1996, als die Nasa in einer als „historisches Ereignis“ zelebrierten Pressekonferenz berichtete, man hätte deutliche Indizien für ehemaliges Leben auf dem Mars: aus einem im Eis der (irdischen) Antarktis gefundenen Meteoriten. Alle „Indizien“ – darunter eiförmige Strukturen und das Vorkommen polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe – sind längst entkräftet. Damals freilich versprach Präsident Bill Clinton, die Nasa werde „ihre ganze intellektuelle und technologische Kraft in die Suche nach weiteren Hinweisen auf Leben auf dem Mars stecken“.
Drei Jahre später musste die Nasa einen schweren Rückschlag einstecken: Ihre Marssonde „Climate Orbiter“ ging verloren, ob sie zerborsten oder verglüht ist, weiß keiner. Schuld war jedenfalls die britische Abneigung gegen das metrische System: Eine britische Zulieferfirma hatte Daten in englischen Pfund statt Kilo angegeben.
Eine vergleichbar öffentlichkeitswirksame Niederlage passierte der europäischen Agentur ESA zu Weihnachten 2003: Die „Beagle 2“, die Landeeinheit der „Mars-Express-Mission, strandete auf dem Mars, konnte keine Bilder an die Erde senden. Nur das Mutterschiff schickte Aufnahmen, die die Existenz von Eis belegen sollten – die die Kollegen von der Nasa mit leiser Ironie glossierten: „Es ist keine Neuigkeit. Aber wir sind froh, dass ihre Satelliten auch in der Lage sind, zu sagen, wo es ist.“ Fast wie eine Retourkutsche klang diesmal ein ESA-Statement zu „Phoenix“: „Wenn etwas schief geht, wollen wir zumindest daraus lernen.“
Kaum je hinterfragt, eher von den Weltraumagenturen absichtlich verstärkt wird ein Missverständnis: Dass die Existenz von flüssigem Wasser eine auch nur annähernd hinreichende Voraussetzung für die Entwicklung von Leben sei. Dieses braucht zwar wässriges Milieu (und halbwegs stabiles Klima), aber noch viel mehr: Aminosäuren und Nukleinsäure-Basen zum Beispiel, schon einmal als Bausteine. Das reicht aber auch noch nicht – wenn es auch Schlagzeilen von Meteoriten als angeblichen Quellen des Lebens nährte. Diese Bausteine müssen sich noch zu Ketten („Polymeren“) verknüpfen.
So sind von der „Phoenix“-Mission am ehesten geologische und mineralogische Erkenntnisse zu erwarten. Und eine Flut von Bildern, die wenig Aufsehen erregen werden. Weil sie den bekannten zu ähnlich sind. 1996 sprach man noch von den „Twin Peaks“, in Wien auch Bisamberg genannt. Ob es nun wieder ein marsianischer Hügel ins öffentliche Bewusstsein schafft, ist fraglich.
Fluggeschichte
1Langer Anlauf: Die ersten Missionen zum Mars stehen noch stark im Zeichen des Kalten Kriegs. Der Wettlauf zwischen USA und UdSSR fordert auch unter den Raumsonden viele Opfer, über 50 Prozent aller Versuche schlagen fehl: Als Erste startet, 1960, die russische „Marsnik1“, aber sie erreicht ihr Ziel nicht. Das schafft als Erste 1964 die US-„Mariner 4“. Sie fliegt am Mars vorbei und schickt erste Fotos. 1971gelingt der russischen „Mars 3“die erste weiche Landung, aber Sonde und Freude halten nur 20 Minuten.
2Kurzer Höhenflug: 1976gelingen der Nasa gleich zwei weiche Landungen auf dem Mars: „Viking“ 1 und 2 senden jahrelang Bilder und Daten. Sie suchen auch nach Spuren des Lebens, finden aber keine. Das und die steigenden Kosten lassen das Interesse am Mars erlahmen, die Missionen werden seltener, 1997 haben die USA mit „Pathfinder“ noch einmal einen Erfolg.
3Asche und Phoenix: Dann folgt eine schwarze Serie: 1998/99 verlieren die USA zwei
Sonden, „Mars Climate Orbiter“ und „Mars Polar Lander“. Russland startet keine Versuche mehr, die USA versuchen es mit „kleineren und billigeren“ Projekten und können 2004 die Marsrover „Spirit“ und „Opportunity“ landen. Sie sind auf kurze Lebensdauer angelegt, versehen aber noch heute ihre Dienste. 2003 versucht die europäische ESA eine Landung, scheitert aber. Die nun gelandete Sonde besteht aus Teilen des „Polar Lander“ und heißt deshalb „Phoenix“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2008)