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Psychologie: Wie die Wissenschaft das Glück erforscht

Vater mit Sohn
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Mehr als 1000 Wissenschaftler diskutierten in Innsbruck über „Glück und Wohlbefinden in der Gesundheitsvorsorge“. Die Suche nach dem Glück lohnt jedenfalls, denn eines steht fest: Wer glücklich ist, lebt länger.

Macht es einen Unterschied für das Glücksempfinden, ob jemand im Lotto gewinnt oder im Rollstuhl sitzt? Eine auf den ersten Blick vielleicht etwas drastische Gegenüberstellung, die aber schon wissenschaftlich untersucht wurde.

„Es macht kaum einen Unterschied“, sagt Stefan Höfer vom Department für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Denn: „Jeder Mensch definiert Glück anders.“ Demnach könne ein Lottogewinner zwar zum Zeitpunkt des Gewinns besonders glücklich oder ein Mensch, der nach einem Unfall körperlich beeinträchtigt ist, besonders unglücklich sein. Längerfristig komme es aber darauf an, wie man mit seinem Leben umgeht.

Der subjektive Charakter des Themas macht es besonders komplex, darin liegt auch die Herausforderung für die Forschung. Dort stoßen Glücksfragen offenbar auf großes Interesse: Über 1000 Wissenschaftler aus 61 Staaten folgten der Einladung Höfers nach Innsbruck. Sie diskutierten von Dienstag bis heute über „Glück und Wohlbefinden in der Gesundheitsvorsorge“. Die meisten Teilnehmer kommen aus der Gesundheitspsychologie, denn die Wissenschaft vom Glück gibt es nicht: „Viele Disziplinen sind beteiligt“, sagt Höfer. Auch Ärzte und Pfleger seien dabei, die Tagung sei außerdem offen für Soziologen, Philosophen oder Ökonomen.

 

Glück als subjektiver Wert

Einer der prominentesten Teilnehmer ist Ruut Veenhoven. Der niederländische Soziologe befasst sich seit mehreren Jahrzehnten wissenschaftlich mit dem Thema Glück, das er als „subjektive Bewertung des Lebens insgesamt, kurz der Lebenszufriedenheit“ sieht. Diese Definition ist die Basis für seine umfassenden Untersuchungen: Veenhoven hat die bis heute umfangreichste Datensammlung zum Thema Glück angelegt (siehe Beitrag unten). „Nach der Zufriedenheit der Menschen kann man fragen, das macht das Thema messbar“, so der Soziologe.

Was aber macht Menschen nun glücklich? Grundsätzlich bestimmend sind nach Veenhoven drei Bereiche: die Genetik, die Umwelt – und dabei Soziales genauso wie etwa die Luftverschmutzung – und das eigene Verhalten. Bei Letzterem liegt auch der Gestaltungsspielraum für den Menschen.

Die Erwartungen, was glücklich macht, unterscheiden sich rund um den Globus. Sie müssen auch nicht stimmen. Die tatsächlichen Einflussfaktoren hingegen sind eher universell: „Die größte Überraschung war für mich, zu sehen, dass eine funktionierende öffentliche Verwaltung entscheidend ist“, sagt Veenhoven. „Wer hätte gedacht, dass Bürokratie glücklich macht? Aber genau das zeigen die Daten.“

Den größten Unterschied beim Glücksempfinden gibt es zwischen Simbabwe und Dänemark. Auf einer zehnstelligen Zufriedenheitsskala klaffen die Mittelwerte der beiden Länder mit 2,8 (Simbabwe) zu 8.3 (Dänemark) deutlich auseinander, wobei ein niedriger Wert für große Unzufriedenheit steht. Gleichzeitig zeigten Daten der Weltbank, dass die Qualität der Verwaltung in Simbabwe am schlechtesten und in Dänemark am besten ist. „Die Verwaltung ist sogar wichtiger für das Glück als der materielle Wohlstand“, so Veenhoven.

Macht Geld also nicht glücklich? Doch, meint der Sozialforscher: Mehr Reichtum gehe in allen Ländern klar mit mehr Glück einher. Allerdings sei dieser Effekt in ärmeren Staaten weit ausgeprägter als in Ländern, wo es eine gewisse Grundsicherung gibt, also auch in Österreich. Auch soziale Sicherheit spiele in reicheren Ländern eine weit geringere Rolle. Selbst Einsparungen hätten hier in den vergangenen 20 Jahren keinen Unterschied gebracht.

Ein weit wichtigerer Faktor ist die Freiheit: „In Ländern, in denen die Menschen nicht über ihr eigenes Leben bestimmen können, nicht heiraten dürfen, wen sie lieben, sondern wen der Pastor oder die Mutter aussucht, in denen man seinen Beruf, seine Religion nicht frei wählen kann, sind die Menschen besonders unglücklich“, so Verhooven. In den westlichen „Wahlgesellschaften“ lebten die Leute deutlich zufriedener.

„Wir sind so glücklich, weil wir unsere eigene Wahl treffen können.“ In der Entscheidungsfreiheit liegt aber zugleich das Risiko: „Wir können natürlich auch die falsche Wahl treffen: den falschen Partner oder den falschen Beruf wählen. Falsche Entscheidungen sind ein Rezept fürs Unglücklichsein.“

Eine entscheidende Rolle spielen jedenfalls die Mitmenschen. Rund um den Globus zeige sich, dass diejenigen, die gute Sozialbeziehungen haben, glücklicher sind: „Wir sind soziale Tiere, allein können wir kaum glücklich sein.“ Zugleich würde es glücklichen Menschen leichter fallen, soziale Kontakte einzugehen, sie hätten bessere Chancen auf eine funktionierende Ehe und seien sogar bessere Eltern.

 

Entscheidender als Gesundheit

Die Mitmenschen seien sogar entscheidender als die Gesundheit, sagt der Innsbrucker Tagungsleiter Stefan Höfer – immerhin ein Gesundheitspsychologe: „Jeder wird krank. Niemanden zu haben verschlimmert die Situation.“ Das Wichtigste zum Glücklichsein sind demnach Familie, Freunde und auch das Pflegepersonal.

Glück ist aber auch für die Lebenserwartung entscheidend. Höfer hat dazu 432 Herz-Kreislauf-Patienten über mehrere Jahre untersucht: vor und nach Eingriffen am Herzen. Die Personen wurden etwa gefragt, wie sie sich fühlen, wie es ihnen in ihren Beziehungen oder bei körperlichen Aktivitäten geht. „Es zeigt sich klar, dass eine zuversichtliche Einschätzung zum eigenen Wohlbefinden, die die Personen rund um den Eingriff äußerten, eine entscheidende Rolle für den weiteren Krankheitsverlauf spielt.“

Als die Befragung nach vier Jahren wiederholt wurde, waren einige Patienten bereits verstorben. „Faktoren wie das Alter oder Werte wie Blutdruck oder Gefäßdurchfluss waren zwar statistisch bedeutsam. Die Selbsteinschätzung der Patienten und die Einstellung, die sich daraus widerspiegelt, sind aber für eine Vorhersage weit aussagekräftiger“, so Höfer.

Auch der Niederländer Ruut Veenhoven hat nachgewiesen, dass glückliche Menschen länger leben. Das habe sich in Langzeitstudien über dreißig Jahre statistisch gezeigt – ein Zeichen für die hohe Relevanz des Tagungsthemas zur Rolle von Glück und Wohlbefinden in der Prävention.

Gibt es Tipps des Wissenschaftlers zum Glücklichsein? Nein. Es liege an jedem Einzelnen, eine passende Lebensweise zu finden. Man müsse mit Fallen und Wiederaufstehen dazulernen und so Lebensweisheit sammeln. Dabei helfe eine positive Einstellung: „Denn wenn man nicht positiv ist, versucht man ja gar nicht, ein besseres Leben zu finden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2014)

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