Kunst statt Särge in der alten Fabrik

Sargfabrik
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

In Liesing ist ein kulturelles Zwischennutzungsprojekt à la Kabelwerk Meidling geplant. Zur Belebung des Stadtteils und als Wegbereiter für geplante Wohnungen.

Wien. An den Tod erinnern nur mehr die Schilder. „Bitte Ausfahrt freihalten: Langfuhrwerke“ steht auf einem Seitentor geschrieben. Sonst sieht die ehemalige Sargerzeugung Atzgersdorf wie so viele verlassene Fabriksgebäude aus: ein mächtiger Bau aus grauen Ziegeln, mit Heizungsturm und Fabrikschornstein. Kurzum: ein Gebäude das jeden Kreativen vor Begeisterung hyperventilieren lässt.

Seit Ende 2013 steht die Sargfabrik in Liesing leer. Die B&F Wien Gmbh (Bestattung und Friedhöfe) hat den Betrieb verkleinert und in der Nähe des Zentralfriedhofs neu eröffnet. Seither steigt in Liesing kein Rauch mehr aus dem Schornstein, im Hof stapeln sich die Abluftrohre. Doch das wird sich ändern. Die Sargfabrik soll künftig als Kulturzentrum zwischengenutzt werden. Projekte aus den Bereichen Musik, Theater, Performance sollen hier stattfinden, Festivals, Sommerkinos, Konzerte, Kurse – ja sogar eine eigene Gastronomie ist angedacht. Auf circa 10.000 Quadratmetern Nutzungsfläche.

Initiator des Projekts ist Erich Sperger, der 1999 das Zwischennutzungsprojekt Kabelwerk in Meidling mitgegründet und es auch jahrelang als künstlerischer Leiter geführt hat. Bis es erst kürzlich mit dem Theater Garage X zum Werk X fusioniert wurde (siehe Infokasten). „Weil sich das Werk X jetzt auf Theater konzentriert, ist ein Vakuum für die anderen Gruppen entstanden“, sagt der 56-jährige Sperger. Diese Gruppen sollen nun aufgefangen werden.

 

Finanzierung noch offen

Ab dem Frühjahr 2015 könnte die Kulturfabrik 23 – so lautet der Arbeitsname – starten. Nachsatz: „Sobald die Fabrik ausgeräumt und die Finanzierung gesichert ist.“

Das sollte aber kein Problem sein. Die Stadt Wien ist – als Besitzerin des Grundstücks – an einer Nutzung des Areals interessiert. Stichwort: Stadtentwicklung. Vor allem, weil das denkmalgeschützte Gebäude nicht abgerissen werden kann. „Es war am Anfang auch als Schulstandort im Gespräch“, sagt Sperger, die Umsetzung dürfte aber ob des alten Gebäudes zu kompliziert gewesen sein.

Für Spergers Vorhaben ist das alte Areal dafür wie geschaffen. Fünf große Hallen beherbergt die Fabrik. Zwei bis drei davon bieten Platz für über 1000 Menschen. „Dazwischen gibt es Räume, wo kleine Konzerte abgehalten werden können“, sagt Sperger, dessen Augen schnell einmal leuchten, wenn er von der Fabrik spricht. Eine „Spielwiese für nicht kuratierte Projekte“, soll die Fabrik sein, ein Platz für neue Ansätze und Experimente. So wie damals im Kabelwerk, wo es einen wöchentlichen Begehungstermin gegeben hat, damit interessierte Gruppen sich die Räume ansehen konnten.

Interesse, sagt Sperger, gebe es schon jetzt. Auch seitens des Bezirkes, der das Projekt unterstützt. Die in Liesing gut aufgestellte Jazzszene hätte schon Neugier am Areal bekundet und erst vor Kurzem hätten sich die Wiener Festwochen das Gelände angesehen. Auch das ImPulsTanz-Festival oder Schulen sieht man als mögliche Kooperationspartner.

Aus gutem Grund. Die Fabrik liegt umgeben von Supermärkten an der stark befahrenen Breitenfurter Straße. „Da sollte es auch mit den Nachbarn kein Problem geben“, mein Sperger, für den das Areal ruhig noch weiter vom Zentrum entfernt hätte sein können. „Je weiter weg, desto weniger Fokus ist darauf, desto mehr kann man ausprobieren“, sagt er. So wie damals im Kabelwerk, das der Kulturfabrik als Vorbild dient.

Offen ist allerdings noch, wie das Projekt finanziert wird. Drei bis fünf Millionen – verteilt auf acht bis zehn Jahre – sagt Sperger, brauche man, um das Projekt so aufzustellen, dass es sich selbst erhalten kann. Geld, das die Stadt durchaus zu zahlen bereit sein dürfte. Aus strategischen Gründen.

 

Umdenken in der Stadt

Denn rund um das denkmalgeschützte Areal werden in den nächsten Jahren, laut Sperger, um die 800 Wohnungen entstehen – vor allem für junge Leute und Familien. Damit soll die Sargfabrik auch so etwas wie ein Wegbereiter und eine spätere Kommunikationszentrale für die neue Siedlung sein. Da das Gebäude nicht abgerissen werden kann, ist auch eine Dauernutzung der Fabrik theoretisch möglich ist.

„Da hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert. Das politische Verständnis ist gestiegen, weil viele gesehen haben, was solche Projekte verändern können“, sagt Sperger. Damals, bei der Gründung des Kabelwerks, hätte es noch große Anfeindungen gegeben, auch seitens des Bezirks.

Mittlerweile finden solche Projekte Anklang. Und Wohnungsgebiete werden – so wie in der Seestadt Aspern – schon Jahre, bevor die ersten Menschen dort hinziehen, mit Kultur bespielt sowie die Nachbarn in Projekte einbezogen. So überlegt Sperger auch, den zukünftigen Namen der Fabrik öffentlich suchen zu lassen. Als Zeichen dafür, dass wieder Leben in die Sargerzeugung eingekehrt ist.

Stadtentwicklung. In der ehemaligen Sargerzeugung Atzergsdorf (Breitenfurter Straße 176, 1230 Wien) soll ein Kulturprojekt entstehen. Vorbild ist das Kabelwerk Meidling, das von 1999 bis 2006 als kulturelle Experimentierfläche diente, bis die alte Fabrik abgerissen und neue Wohnungen gebaut wurden. Das Projekt wurde (kleiner) mit dem Palais Kabelwerk weitergeführt. Erst kürzlich ist das Palais Kabelwerk mit dem Theater Garage X fusioniert worden. Das neue Theater, Werk X, setzt nun erstmals auf größere Eigenproduktionen.