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Schulanfang: Startschwierigkeiten im neuen Lebensabschnitt

Schulkind mit Schultüte
Schulkind mit SchultüteDie Presse
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Am Montag zelebrieren viele Kinder ihren ersten Schultag. Doch die Sechsjahreskrise steht den Kleinen zunehmend im Weg: Zu hohe Erwartungen, neue Pflichten und fehlendes Vertrauen lösen sie aus.

Wenn sich am Sonntagabend zehntausende Sechsjährige ins Bett legen, schließen sie ihre Augen – und damit ein Kapitel ihres Lebens. Das erste, in dem sie ausschließlich Kind waren. Am Montag werden sie mit prall gefüllten Schultüten in den jeweiligen Klassen stehen und Schüler sein. Es ist das, was die Soziologie einen Statuswechsel nennt.

Die meisten Kinder sind darauf recht gut vorbereitet – zumindest ein wenig besser als die Generationen vor ihnen. Denn die Kindergärten und Schulen bemühen sich zunehmend um einen reibungslosen Übergang, und das letzte verpflichtende Kindergartenjahr bekommt von allen Seiten einen Sinnvoll-Stempel.

Die Kinder werden in diesem Jahr als Vorschulkinder betitelt, bekommen besondere Aufgaben – und werden besonders unter die Lupe genommen. Viele konnten ihre Lehrer schon vor dem Sommer kennenlernen, nicht wenige Pädagogen wurden von den Eltern auch ganz bewusst ausgewählt: Dass bei der Schulanmeldung entsprechende Wünsche geäußert werden und die Eltern sich die Lehrer demnach aussuchen können, ist etwa in Wien auch an den öffentlichen Schulen beileibe keine Seltenheit mehr.


Enorme Veränderungen. Doch auch wenn die Kinder schon vieles über die Dinge wissen, die auf sie zukommen: Die Veränderungen sind trotzdem so groß wie vielleicht nie wieder im Leben. Das Kind kommt an einen neuen Ort, in eine neue Gruppe, mit einer neuen Hackordnung. War es zuvor beliebt, muss es sich die Sympathien nun erst wieder erarbeiten. In die Schule muss es nun jeden Tag gehen, ob es Lust hat oder nicht. Und es muss pünktlich sein. Unter all diesen neuen Eindrücken soll es neue Dinge wie Lesen und Schreiben lernen. Und wegen der Hausübungen greifen die Veränderungen auch in den bisher freien Nachmittag oder Abend über. Dazu kommt die – oft angespannte – Erwartungshaltung der Eltern. Denn schon vor dem Schulbeginn sprechen viele Eltern mit den künftigen Lehrern darüber, welche Chancen das (dem Lehrer noch unbekannte) Kind für den späteren Wechsel ins Gymnasium haben wird.

Auch die Umwelt reagiert anders auf die Sechsjährigen, denn in dieser Zeit verliert sich oft das Kindchenschema: Das süße Gesicht nimmt charakteristische Züge an, der Körper streckt sich, im Verhältnis zum gewachsenen Körper erscheint der Kopf nun kleiner, und die Zahnlücken machen das Kind auch nicht gerade niedlicher. Weshalb es schnell passieren kann, dass ein kleiner Bub, den in der Straßenbahn gerade alle noch beim Herumturnen bestaunten, auf einmal von den Fahrgästen zu hören bekommt, dass er sich doch gefälligst auf seinen Hintern setzen solle. Die Eltern dagegen bemerken in dieser Zeit gern Defizite, die sie im Kindergarten noch kaum wahrnahmen. „Mit sechs Jahren sollte man doch schon...“ ist ein beliebter Satz, der wahlweise mit „schwimmen können“, „ordentlich essen können“, „grüßen können“, „sich selbst seine Sachen holen können“ oder „allein einschlafen können“ beendet wird.

All diese Veränderungen können gut gehen. Sie können durch das Gesamtpaket an körperlichen und emotionalen Veränderungen in dieser Zeit aber auch in eine sogenannte Sechsjahreskrise münden, wie Psychologin Karin Schmidsberger erklärt: „In meine Praxis kommen viele Eltern mit Kindern, die plötzlich psychisch labil sind.“ Typisch seien Konzentrationsschwächen, mehr Streit mit Geschwistern oder plötzlich auftretende Schlafprobleme. Viele Kinder würden auch im ersten Schuljahr kränkeln, obwohl sie im Kindergarten immer gesund gewesen seien: „Der Körper ist in dieser Zeit so dermaßen mit dem Wachsen und Reifen beschäftigt, dass er Krankheiten nicht mehr so gut abwehren kann“, sagt Schmidsberger. Sie war selbst als Lehrerin und Schulleiterin tätig, bevor und nachdem sie Psychologie studierte, und näherte sich der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Schule auch von dieser Seite.

Doch eigentlich sind die Kinder in ihrer Entwicklung reif für Veränderungen. Dass der Schuleintritt in den meisten Ländern um das sechste Lebensjahr herum stattfindet, ist kein Zufall: Es gibt zu dieser Zeit einen enormen Schub in der Gehirnentwicklung. Die neuen Anforderungen in der Schule führen auch zu psychischen Veränderungen: „Die Kinder wollen einerseits schon groß und autonom sein, etwa allein in die Schule gehen. Andererseits wollen sie sich auch oft wieder sehr behütet fühlen.“

So kommt es bei manchen Kindern zu einer Identitätskrise oder auch zu einer Selbstbildkrise, da das überhöhte Selbstbewusstsein aus der sogenannten magischen Phase (Stichwort: „Schau, Mama, ich kann fliegen“) an seine Grenzen beziehungsweise an den erstarkten logischen Verstand stößt.

Die Tendenz zur Sechsjahreskrise sieht die Psychologin klar steigend. Vor allem, wenn man sich die Zahlen aus einer deutschen Untersuchung ansehe. Demnach haben an einer durchschnittlichen deutschen Grundschule nur noch 60 Prozent der Kinder eine sichere Bindung, das heißt, sie können Personen wie etwa der Lehrerin vertrauen und möglichen Problemen entgegentreten. Im Umkehrschluss sind 40 Prozent der Kinder unsicher und gestresst im Umgang mit ihren Bezugspersonen. Tendenz steigend. Das Problem, das die Lehrer dabei sehr häufig bemerken: Diese Kinder sind nicht in der Lage zu fragen, wenn sie etwas nicht wissen oder verstehen. Was das schulische Weiterkommen sehr erschweren kann.

Wieso kommt es zu diesem Vertrauensproblem bei den Kindern? Sie seien über Jahre und Jahrzehnte zur Autonomie erzogen worden. Doch die zu frühen Entscheidungsprozesse und das Fehlen von Grenzen in manchen Familien ließen die Kinder unsicher werden, sagt Schmidsberger. Andererseits gebe es auch überbehütete Kinder, denen jede störende Kleinigkeit aus dem Weg geräumt werde – was auch nicht gut sei. Denn Kinder sollten sich daran bewähren, dass sie kleine Steine aus ihrem Weg räumen können. Allein schon als Vorbereitung darauf, dass irgendwann auch große Steine im Weg liegen werden. Kinder brauchen in dieser Phase Erwachsene als Fels in der Brandung, um sich zu orientieren. Lösen müssen sie die Probleme aber zunehmend selbst.

Die ersten Schultage sind für viele Kinder zumindest auch ein kleiner Stein – selbst, wenn sie sich zuvor sehr darauf freuen. Tränen gebe es aber nur ganz selten, wie Eva Mader, Direktorin der Volksschule Wichtelgasse in Wien Hernals, erzählt. Und es gebe zwar immer wieder Kinder, die ihre Eltern beim Abschied nicht gehen lassen wollen und darauf bestehen, dass sie in der Klasse mit dabei sind. Aber das seien pro Klasse maximal drei Kinder, und die Begleitung sei üblicherweise nach längstens einer Woche vorbei.

„Wenn ein Kind spürt, dass es emotionalen Rückhalt hat und die Eltern die Schule als positiv sehen, dann klappt es meistens gut. Hier geht es viel um die Eltern. Und die nehme ich auch in die Verantwortung“, sagt Mader, die schon seit 16 Jahren Volksschuldirektorin ist. Mit sechs Jahren werde den Kindern bewusst, dass der Abnabelungsprozess von Mutter und Vater „wirklich wahr“ ist. Damit können die Kinder dann auch sehr selbstbewusst sein und mehr Eigenes entdecken, wenn sie eine gefestigte Haltung haben. Doch gerade aufseiten der Eltern gebe es da manchmal etwas Skepsis. Denn mit der Beurteilung durch die Schule würden manche Eltern sich auch beurteilt fühlen. Und sich auch angegriffen fühlen, wenn das Kind sich einmal schlecht benehme und die Lehrer das ansprechen würden.


Lehrerin als Heldin.
Klar ist jedenfalls, dass die Lehrerin (in den meisten Fällen ist es in der Volksschule eine Frau) auch viel Einblick in die Familien hat, weil die Kinder viel über ihr Leben erzählen. Manche Eltern begreifen die Lehrerin auch als Konkurrenz, da sie für die Kinder recht schnell einen Heldenstatus erreicht. Die Schule versuche deshalb immer, ein gutes Miteinander zu erreichen, wie Mader erzählt: „Die Haltung der Eltern kann viel Arbeit für die Schule bedeuten.“

Weshalb sich auch die Eltern, wenn sie ihr Kind am Sonntag vor dem ersten Schultag noch einmal zudecken, darüber Gedanken machen könnten, was auf sie zukommt. Und den Schulstart ein bisschen lockerer sehen könnten – schließlich wird das Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schreiben, lesen und rechnen lernen und vor allem viele neue Freunde finden. Es können vier wunderbare Jahre sein, die nun beginnen.

Schulbeginn

Am 1. September enden in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland die Sommerferien, in den übrigen Bundesländern eine Woche später. Allein in Wien werden am Montag 17.000 Taferlklassler ihre Schullaufbahn starten. Besonders nachgefragt waren heuer an den Schulen Klassen mit Schwerpunkten in den Bereichen Fremdsprachen, EDV, Kreativität und Bewegtes Lernen.

Familientag. In Österreich wird der erste Schultag oft fast zeremoniell begangen: In den Schulen ist meist die ganze Familie willkommen, auch viele Großeltern lassen sich das Ereignis nicht entgehen. Die Schultüte ist mittlerweile ein unverzichtbares Accessoire, nach der meist einstündigen Begrüßung in der Schule besuchen die Familien Restaurants und in Wien auch gerne den Prater oder den Tiergarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2014)