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Rainer-Retrospektive: Was kümmern ihn die Regeln der Moderne?

(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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Arnulf Rainer, diesmal von seinen Anfängen her erklärt: Zum 85. Geburtstag zeigt eine Retrospektive, wie der Künstler eine Phase der radikalen Vereinfachung durchmachte, nur um dann nicht weniger radikal mit ihr zu brechen.

Eine große weiße Fläche mit einem ausgesparten schwarzen Eck. Eine noch größere rote Fläche mit einem ausgesparten weißen Eck. Streifen in verschiedenen Farben, horizontal oder vertikal. Willkommen bei Arnulf Rainer, dem radikalen Vereinfacher! Diesem Aspekt des Künstlers hat die Wiener Albertina in der Retrospektive zum 85.Geburtstag nämlich ungewöhnlich viel Raum gegeben – auf dass wir neue Facetten im Werk entdecken, wir uns erinnern, was der Meister unternommen hat, als er noch keine Selbstporträts/Totenmasken/Kreuze übermalte, als er Schritt für Schritt erprobte, was sich denn so alles anstellen lässt mit Farbe und Leinwand.

Es waren die 50er-Jahre, als Wien künstlerisch in einer Ausnahmesituation war: Die historische Avantgarde der Zwischenkriegszeit harrte erst der (Wieder)-Entdeckung, Texte der Surrealisten gingen von Hand zu Hand wie ein Jahrzehnt zuvor noch begehrte Schwarzmarkt-Ware, und während das Alte noch nicht verarbeitet war, stand das Neue schon bereit. In dieser Zeit also schuf Arnulf Rainer einerseits Werke, die in ihrer surrealistischen Tönung an die phantastischen Realisten erinnern. Andererseits unterzog er sich malerischen Exerzitien, reduzierte die eigenen Arbeiten immer weiter auf der Suche nach der Essenz: Er wolle „auf jede Subjektivität verzichten“, meinte er 1953. „Diese Arbeit ist kalt und nüchtern und konzentriert auf die Gleichgewichtigkeit der Form.“

 

Totenmasken, Schlafende

Das klingt, wie Andreas Hapkemeyer im Katalog schreibt, nicht gerade nach Arnulf Rainer, wie wir ihn kennen. Und am schönsten sind die Werke tatsächlich auch dann, wenn die eingeübte Reduktion auf überbordende Experimentierfreude trifft: Ein roter Strich, einfach nur mit der Pranke diagonal auf die Leinwand geschmiert – das ist so ausdrucksstark wie knapp; und dann hat der Maler auch noch rechts unten breit seine Signatur hingesetzt, weit größer als für ihn sonst üblich. So dürfen wir beobachten, wie eine Unterschrift als farbiger Kontrapunkt unverzichtbarer Teil des Bildes wird.

Auch eine Art Forschungsarbeit.

Prinzipiell gilt, dass uns die Kuratoren – Antonia Hoerschelmann und Helmut Friedel – zeigen, wie ein Meister sich von allen Regeln, die ihm die Moderne auferlegt hat, wieder frei macht, vielleicht auch, weil er diese Regeln nie wirklich Ernst genommen hat, weil er die Malerei als expressive Kunst nie in Frage gestellt hat – ähnlich wie H. C. Artmann, der dem Versuch, die Literatur zu „objektivieren“, also Sprache durch einen Zufallsgenerator zu jagen und das Ergebnis Gedicht zu nennen, damit begegnete, dass er zwar so tat, als seien seine Gedichte zufällig entstanden – aber in Wirklichkeit war diese ganze Zufälligkeit kunstvoll erfunden.

Arnulf Rainer jedenfalls kam aufs Figurative zurück, so wie Artmann aufs Erzählende. Anstatt die Leinwand fast vollständig zu übermalen, ließ er nun das Übermalte durchschimmern, die Übermalungen reagierten auf die Motive, sie umschmeichelten sie oder schlugen sie, vor allem mit den Fotos von sich selbst ging Rainer einigermaßen ruppig um: „Schlaf“ (1973) zeigt ihn in aufgelöstem Zustand, seine Haut wirkt wie zerkratzt, in einer anderen Arbeit fügt er den Riemen, die ihn einengen, noch weitere gemalte Fesseln hinzu. Dazu Komisches! Diese Art der Beschäftigung mit sich selbst kennen wir von einigen Künstlern dieser Zeit – nur die radikaleren wie Arnulf Rainer verstanden es, sich dabei selbst in Frage zu stellen. Da sitzt, da steht, da schaut kein Held.

Ein eigener Abschnitt gilt dem Thema Vergänglichkeit, hier finden sich etwa Totenmasken, für deren Übermalung Rainer jene sanfte Farben wählte, die auch seine späteren Werke bestimmen. In einem transparenten Lindgrün übermalte er das Foto von Beethovens Maske (1978), wie mit roten und blauen Blüten betupft erscheint uns die Maske von Schönherr. Eine zärtliche Beschäftigung mit dem Tod, den Toten – und in Farben, die uns später wieder begegnen werden, was ja überhaupt eine Stärke dieser Ausstellung ist: zu zeigen, wie eins sich aus dem anderen ergibt, etwa die Kreuze aus den Proportionsstudien, die, so Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder in seiner Einleitung, nicht allein spirituell zu interpretieren sind. Eine der schönsten Abschnitte der Ausstellung war möglich, weil man auf die bei Retrospektiven naheliegende chronologische Ordnung zum Teil verzichtet hat: Ein in seiner Schlichtheit eindrucksvolles schwarzes Kreuz trifft da auf eine spätere, farbige Variante – und gegenüber hängen farbige Schleierbilder.

Es ist eine wunderbare Antwort, die die Albertina gibt auf die alte Frage, was denn komme, wenn die Leinwand ausgelotet ist: Alles mögliche! Zum Beispiel Malerei.

Albertina: Arnulf Rainer, Retrospektive, bis 6.1.2015.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2014)