Schauspielhaus: Entschärfte Komödie von Horváth

Schüsseleder/ Berger
Schüsseleder/ Berger(c) Schauspielhaus/ Jochen Fill
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Sabine Mitterecker hat aus „Zur schönen Aussicht“ enttäuschend wenig gemacht. Das Gastspiel in Wien findet selten den richtigen Ton einer Raubtiergesellschaft.

Nein, dieses Set ist kein aufmunternder Anblick: Für Ödön von Horváths frühe Komödie „Zur schönen Aussicht“ (1926) hat Anne Neuser die Bühne im Wiener Schauspielhaus mit Möbeln versehen, deren Arrangement selbst für Hotelhallen im Trend der Nuller-Jahre bizarr wäre: links eine transparente Kühlvitrine mit Sektflaschen, dahinter eine Reihe mit alten Kinosesseln sowie ein großes Regal mit Alkoholika, ein rotes Sofa rechts, symbolische Gegenstände (Popcorn, ein Stoffhund, ein Bild: „Wertvoll“) und als Umrandung dunkle Plastikvorhänge, hinter denen es rund geht. So sieht die Übersetzung eines Empfangsraums der Zwischenkriegszeit ins triste Heute aus.

Abgewohnte Möbel für derangierte Menschen ohne Aussicht auf Verbesserung. Ein Strizzi als Hoteldirektor mit zwei zwielichtigen Gehilfen, eine Freifrau mit ihrem spielsüchtigen Bruder, die diese Männer aushält, ein frustrierter Sekt-Lieferant und eine junge Frau wie aus einer anderen Welt, die neues Leben in diese verkommene Gesellschaft bringen könnte – das ist der Zynismus eines österreichischen Dramatikers nach dem Ersten Weltkrieg, der hier bereits ansatzweise mit seinem genialen Talent spielt, alltägliche Phrasen ins Tragikomische zu wenden. Servilität kämpft hier Satz für Satz mit Brutalität.

Die Freifrau mit ihren Liebhabern

Was aber hat Regisseurin Sabine Mitterecker, deren Gastspiel am Dienstag im Schauspielhaus Premiere hatte, aus dem Stoff gemacht? Enttäuschend wenig. Der Koproduktion von Theater.punkt, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und Kasemattentheater gelingt es nicht, die Spannung freizusetzen, die in dem Text steckt, was auch daran liegt, dass einige der sieben Schauspieler gar nicht souverän mit ihm umgehen. Sie finden selten den richtigen Ton für diese Raubtiergesellschaft. Nur Elfriede Schüsseleder (als Ada Freifrau von Stetten mit ihren Liebhabern) und Helmut Berger als ihr mittelloser Bruder Emanuel geben Horváths Sprache die nötige Dosis an Schärfe. Heinz Weixelbraun überzeugt zumindest in der Schmierigkeit als Hoteldirektor Strasser. Der fürchtet viele Gläubiger und flieht auch vor einer weiteren Verpflichtung – vor der jungen Christine (Sophie Hutter), die mitten drin (hier aus dem Zuschauerraum) unvermittelt auftaucht, um den Herrn damit zu konfrontieren, dass sie in der vorigen Saison ein Kind zeugten. Ihr Auftritt bewirkt Aggressionen bei diesem würdelosen männlichen Kollektiv.

Da kommt es zu einer Wende. Christine, die erst so hilflos wirkte, ist reich. Nun buhlen die kuschenden Männer um ihre Gunst, sie wenden sich von der älteren Frau ab. Wird sie der Engel von draußen tatsächlich retten? Die Drehpunkte samt Slapsticks im Finale gehören noch zu den interessanteren Passagen eines sonst viel zu braven zweistündigen Abends, der phasenweise wie vom Blatt gespielt wirkt und deshalb bald ermüdet. Daran ändert auch der verknappte Schluss nichts mehr: Sie werde den Zug versäumen, sagt Strasser zu Christine. „Nein, ich werde nichts versäumen“, erwidert sie. Horváths Nachsatz mit der fernen Hoffnung auf ein Wiedersehen wird kalt ausgespart.

Termine in Wien: 4., 5., 6. und 9. September, 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2014)

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