Verhaltensforschung: Kakadus, die voneinander lernen

(c) EPA (Lee Sanders)
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Erstmals wurden Vögel beobachtet, die voneinander Werkzeuggebrauch lernten. Ebenfalls an der Uni Wien fand man: Auch wilde Affen lernen via Video.

Figaro ist für Überraschungen gut. Als dieser Goffini-Kakadu – heute sieben Jahre alt, Körnchenfresser, wohnhaft im Goffin Lab des Departments für Kognitionsbiologie der Uni Wien – vor zwei Jahren spontan begann, längliche Splitter aus einem Holzbalken zu beißen und diese benutzte, um eine Nuss, die unerreichbar hinter einem Gitter lag, hervorzuholen, war er der Erste seiner Art, der eigenmächtig ein Werkzeug hergestellt und benutzt hatte. In späteren Versuchen wusste Figaro stets, was zu tun war und baute sich immer wieder aufs Neue sein Werkzeug. Nun wollten die Kognitionsbiologin Alice Auersperg von der Uni Wien und ihr Team von der Universität Oxford und dem Max-Planck-Institut Seewiesen wissen, ob Figaro auch als Lehrmeister taugt.

Die Antwort: Ja, tut er. Goffini-Kakadus können erworbene Fähigkeiten durch soziales Lernen weitergeben. Zu dieser Erkenntnis kamen die Forscher, indem sie verschiedene Testgruppen von Kakadus vor unterschiedliche Szenarien stellten: Drei Männchen und drei Weibchen durften Figaro höchstpersönlich dabei zusehen, wie er mit einem fertigen Stock eine Cashewnuss aus der Box holte, andere Gruppen sahen einen magnetgesteuerten Stock, der sich scheinbar wie von selbst bewegte, oder gar eine Nuss, die von selbst durch das Gitter hervorrollte.

Weibchen lernten nicht von Figaro

Das Nuss-aus-der-Box-Holen lernten aber nur Figaros männliche Schüler: Alle drei Männchen schafften es nach wenigen Demonstrationen, auch selbst mit dem Werkzeug an die Nuss zu gelangen. Die Weibchen interagierten immerhin mit dem Werkzeug, kamen aber nicht an das Futter. Womöglich wollten sie das gar nicht, die Forscher vermuten, dass sie nicht daran interessiert sind, etwas vom anderen Geschlecht zu übernehmen – wo sie doch üblicherweise in der Brutzeit von ihren Männern gefüttert werden.

„Dies ist das erste Mal, dass die soziale Weitergabe einer Werkzeuginnovation bei einer Vogelart, bei der der Werkzeuggebrauch nicht angeboren ist, gezeigt werden konnte“, sagt Projektmitarbeiter Stefan Weber. Vögel können also voneinander lernen. Das Besondere an Figaros Lehrbuben ist dabei, dass sie die Bewegungen ihres Meisters nicht einfach kopiert haben: Während Figaro sein Stöckchen stets in verschiedenen Höhen durch das Gitter steckte und die Nuss so Stück für Stück zu sich herzog, schoben seine Artgenossen Dolittle und Pipin das Stöckchen schlicht auf dem Boden unter dem Gitter durch und schleuderten die Nuss seitlich heraus – eine effizientere Methode. Psychologen nennen das Emulationslernen: Man beobachtet, was mit einer Handlung erreicht werden kann, und versucht dann, zum gleichen Resultat zu kommen – aber mit eigenen Strategien. (Proceedings of the Royal Society B).

In einem Folgeexperiment wurde Kakadu Dolittle abermals vor dem Gitter mit der Nuss platziert, diesmal aber ohne Stock, stattdessen lag eine dünne Holzplatte auf dem Boden. Der Vogel begann nach wenigen Sekunden, einen Splitter aus dem Holz herauszubeißen. Sein Kollege Kiwi kam selbst nicht auf die Idee, schaffte es schließlich aber auch, nachdem er Lehrmeister Figaro einmal dabei beobachtet hatte. (Kakadu Pipin wollte am Versuch nicht teilnehmen, weil er sich mehr für die eigene Fortpflanzung interessierte.)

„Obgleich das im Moment noch nicht vollständig belegbar ist, könnte dieses Experiment darauf hinweisen, dass das Erlernen von Werkzeuggebrauch per se in den Kakadus die Aneignung von Werkzeugherstellung stimuliert“, vermutet Auersperg.

Dass Affen sozial voneinander lernen, ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Eine Forschergruppe um die Biologin Tina Gunhold von der Uni Wien hat nun erstmals gezeigt, dass soziales Lernen per Video auch in freier Wildbahn möglich ist (Biology Letters). Weißbüschelaffen, die in Wien in Gefangenschaft leben, wurden trainiert, einen Apparat auf verschiedene Arten zu öffnen und dabei gefilmt. Dann bekamen wild lebende Artgenossen im brasilianischen Regenwald das Lehrvideo zu sehen – und lernten daraus. Affen äffen also auch in freier Wildbahn nach, was sie im Fernsehen sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2014)

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