Was wurde aus? In „Sex and the City“ war er Carries Ablenkung von Mr. Big. Mittlerweile hat sich der Tänzer Mikhail Baryshnikov aufs Fotografieren verlegt.
Er hätte wissen müssen, was er sich mit dem Auftritt in der damals beliebtesten US-Serie aller Zeiten eingebrockt hatte. Dass ihn die jungen Fans der Serie nun zwar als Carrie Bradshaws russischen Freund, Alexandr Petrovsky, erkannten (und mochten), mit seiner eigentlichen Profession hingegen wenig bis nichts anfangen konnten.
Denn Mikhail Baryshnikovs Rolle in der von HBO produzierten Serie „Sex and the City“ verriet nichts von seiner jahrzehntelangen, erfolgreichen Laufbahn als Balletttänzer. Nur seine Herkunft war (teilweise) richtig. Baryshnikov spielte in neun Folgen (2003/2004) den russischen Künstler Petrovsky, der sich in die Kolumnistin und Serien-Stimme Carrie Bradshaw verliebt.
Was Baryshnikov sympathisch macht: Er nahm die Serie und die diversen Schauspielrollen (davor und danach) nicht besonders ernst – obwohl er wusste, dass sie nach seinen Knieoperationen Anfang der Neunziger Jahre, die ihm das Solotanzen nicht mehr erlaubten, eine wichtige Einnahmequelle für ihn waren. Das Tanzen blieb ihm aber immer das Wichtigste. Und ist es noch. Anlässlich seines 60. Geburtstags am 28. Jänner 2008 erzählte er in einem Interview sein Körper sei in „wirklich guter Verfassung“; und: „Es wäre falsch nicht mehr zu tanzen.“
Bei der Premiere des „Sex and the City“-Spielfilms Mitte Mai war er (sowohl in London, wie in Berlin) nicht dabei. Und das hat ihn mit Sicherheit nicht gestört. Er hätte gar keine Zeit dafür gehabt. Der mehrfach preisgekrönte Tänzer hat anderes zu tun. Sich um seine beiden New Yorker Kulturinstitutionen kümmern, die 1979 gegründete „Baryshnikov Dance Foundation“ und das 2005 daran angefügte „Baryshnikov Arts Center“. Gemeinsam ergeben die beiden Räume ein mehrere tausend Quadratmeter großes Zentrum im Westen von Midtown Manhattan, das seit Jahren als Treffpunkt und Aufführungsort für Künstler dient.
Dem Tanz bleibt er zudem immer noch treu. Wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Ende März zeigte er in der New Yorker Galerie 401 Projects seine umfassende Fotoaustellung „Merce My Way“ – eine Hommage an seinen amerikanischen Kollegen, den Tänzer Merce Cunningham (89).
Zum Fotografieren ist Baryshnikov spät gekommen. So wie er alles in seinem Leben später begonnen hat als andere. Zum Tanzen kam er erst mit 12 – wo andere schon erste Wettbewerbe gewinnen – , als ihn seine Mutter in die Ballettschule der litauischen Oper in Riga einschrieb. Kurz darauf nahm sie sich das Leben. Baryshnikov sagte später oft, seine Kindheit sei trotz des tragischen Vorfalls eine „glückliche“ gewesen. Zu Fotografieren begann er, wie er sagt, erst vor zwanzig Jahren. Mit einer 35mm Kamera habe er aber vorwiegend Porträts und Landschaftsaufnahmen in Schwarz-Weiß aufgenommen. Erst vor zwei Jahren habe ihn dann das Tanzen auch in der Fotografie fasziniert. Die jüngste Ausstellung in Manhattan zeigt das.
Der vierfache Familienvater (er hat eine Tochter mit Schauspielerin Jessica Lange und drei Kinder mit der Ex-Ballerina Lisa Rinehart) fühlt sich aber auch in der Rolle des Kunstförderers wohl. Wo er seiner früheren Serienrolle als russischer Kunstkenner Petrovsky doch wieder sehr nahe kommt.
ZUR PERSON: Tänzer, Darsteller, Fotograf
Mikhail Baryshnikov wurde 1948 als Sohn eines russischen Armeeoffiziers im litauischen Riga geboren.
Er lernte bei Alexander Puschkin in Leningrad Ballett, wanderte 1974 in die USA aus, wurde zu einem der wichtigsten Balletttänzer des 20. Jhdt. Auftritte in der Serie „Sex and the City“ (siehe u.). Gründete 1979 in New York die „Baryshnikov Dance Foundation“, der 2005 das gleichnamige Arts Center angeschlossen wurde. Zuletzt zeigte er in New York seine erste Fotoausstellung. [ORF]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2008)