Ein Film zeigt Leben und (Hirn-)Forschung von Eric Kandel. Der Nobelpreisträger war bei der Premiere in Wien dabei – mit seinen Erinnerungen.
Ein kleines, glänzend blaues Auto (mit Fernsteuerung!) war im Paket, das Präsident Heinz Fischer dem Nobelpreisträger Eric Kandel überreichte. Ein Kinderspielzeug, kein würdeschweres Ehrenzeichen der Republik (das hat er ihm vor drei Jahren verliehen), aber aufgeladen mit Bedeutung, mit Erinnerung.
Denn ein solches Spielzeugauto bekam Eric Kandel als neunjähriger Bub geschenkt und spielte begeistert damit – aber nur wenige Tage. Dann warfen die Nazis die Familie Kandel aus ihrer Wohnung in Wien-Alsergrund und nahmen ihnen alles, das irgendwie wertvoll schien, Silberbesteck, Schmuck und eben sogar das blaue Auto.
Biochemie der Erinnerungen
Eine traumatische Szene im Leben Kandels – und im Film, den Petra Seeger über sein Leben und seine Forschung gedreht hat. „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ heißt er, wie die 2006 erschienene Autobiografie Kandels. Und wie diese mischt er Persönliches und Wissenschaftliches. Viele Forscherporträts versuchen das, meist scheitert es, wirkt gezwungen, oft weil das Leben an Spannung mit der Forschung nicht mithalten kann. Hier funktioniert es, ganz organisch: Denn das Gedächtnis ist doppelt das Lebensthema Kandels. Er erforscht, wie sich Erinnerungen biochemisch im Gehirn festsetzen – und er sucht nach seinen eigenen Erinnerungen. Im Film sagt er, sein Forscherinteresse sei wohl dem Bemühen zu danken, sein Leben nach den traumatischen Ereignissen seiner Kindheit zu bewältigen.
Die Schnecke und der Mensch
Seeger zeigt ihn so und so. Einmal mit einer Meeresschnecke Aplysia, einem Wesen mit ausgesprochen simplem Nervensystem, aber so großen Nervenzellen, dass man sie leicht aus dem Gewebe ziehen und isolieren kann, um zu beobachten, wie sich Verbindungen, Synapsen, zwischen ihnen etablieren und verstärken: Das ist Lernen.
So bilden sich auch in unserem Kopf dauerhafte Erinnerungen, das Gedächtnis, das uns erst Kontinuität und Zusammenhalt verleiht, ohne das wir „nichts wären“, wie Kandel sagt. (Später im Film antwortet er auf die Frage, was er nach dem Tod erwarte, ebenso schlicht: „Nothingness.“)
Es heiße, nach vielen Jahren sehen die Forscher ihren Versuchstieren auch äußerlich ähnlich, scherzt er, schwärmt von der „marriage made in heaven“ mit der Schnecke. Gleich in der nächsten Szene sieht man ihn mit seiner Frau Denise in der Straßenbahn, auf dem Weg zum Kutschkermarkt in Wien-Währing, auf der Suche nach einer Erinnerung – zugleich einem realen Haus: dem Spielzeuggeschäft seines Vaters, in dem heute ein Feinkostladen ist.
Seeger begleitete Kandel auf seiner Suche nach den Orten seiner Kindheit, aus denen ihn der NS-Terror vertrieben hat, aber auch in der Stadt, die ihn aufgenommen hat: Brooklyn, New York, USA. Eine Studentin erklärt Kandels „Geheimnis“, in Frische zu altern: Bananen, Fisch, Joghurt. Man sieht ihn im Hörsaal, die Proteine des Gedächtnisses erklärend, und bei der Feier des Seder-Abends, die Bedeutung der sieben Speisen erklärend, die an den Exodus aus Ägypten erinnern. Man hört ihn viel und laut lachen, man sieht ihn einmal weinen, in einem Moment, in dem ihm seine jüdische Identität besonders bewusst wird, nicht vor Trauer, sondern vor Rührung.
In Rührung (und mit Blumen) mündet auch der Film. Von Ironie und Heilung spricht Kandel, der seit Jahrzehnten österreichische Expressionisten sammelt, und vom Schließen eines Kreises: Wieder in Wien. Vor allem die vielen Begegnungen mit Wienern, die ihm, dem Nobelpreisträger, freundlich, manchmal fast zu ehrerbietig begegnen, scheinen Eric Kandel die einstige Heimat wieder ein wenig heimisch gemacht zu haben.Beigetragen zur Bewältigung der Vergangenheit hat wohl auch das Einfühlungsvermögen von Heinz Fischer, der ihm sein Engagement für Emigranten bewies.
Vorschlag: Nennt den Lueger-Ring um!
Ob er seinen Frieden mit Österreich gemacht habe, wurde Kandel bei der Pressekonferenz gefragt. Man müsse umgekehrt fragen: ob Österreich seinen Frieden mit ihm gemacht habe, antwortete er. Aber: „Wir bemühen uns beide.“
Zwei Wünsche an Wien/Österreich äußerte Eric Kandel, seit 2007 im Kuratorium für das neue „Institute of Science and Technology“ (ISTA) in Klosterneuburg, noch: Die Straße, in der die Universität ist, also der Dr.Karl Lueger-Ring, solle umbenannt werden. Und das ISTA solle spezielle Stipendien für junge Juden, die aus dem Ausland nach Österreich kommen, einrichten.
Eine 45-minütige Kurzfassung des Films zeigt ORF2 heute, Mittwoch, um 22.30h, danach ist Eric Kandel – neben der Genetikerin Renée Schroeder und dem Theologen Ulrich Körtner – Gast in einem „Club 2“ über „Erinnern und Vergessen“. In voller Länge läuft der Film ab Freitag im Votivkino.
Bei den „Wiener Vorlesungen“ heute, 28.Mai, spricht Kandel mit Anton Zeilinger über „Wissenschaft und Gesellschaft“ (18.30 Uhr, Wiener Rathaus, Festsaal, Feststiege I).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2008)